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Die verstoßenen Kinder
Amateure – nein danke: Das Bundesliga-Derby auf St. Pauli wird zum Nachmittag der Kollisionen
Von Wolfgang Ehlers
Heide – Das Stadion am Millerntor wird überfüllt sein. Doch die Strahlkraft dieses Bundesliga-Derbys geht weit über den Stadtteil St. Pauli hinaus.
Sogar im Volkspark werden sich Zehntausende versammeln. Der Hamburger SV hat die hervorragende Idee, allen, die am 18. September nicht leibhaftig dabei sein können, eine Übertragung in der Arena zu bieten. Auch das Rahmenprogramm stimmt. Das Vorspiel im Volkspark bestreitet die HSV-Zweite gegen den neureichen Regionalliga-Klub RB Leipzig.
Die Amateure? Kannst du vergessen.
Keine zwei Wochen ist der Termin für das Bundesliga-Derby bekannt. Der Freitagabend, auf St. Pauli beliebt, durfte es nicht sein. Sicherheitsbedenken stehen entgegen. Nachmittags passt es besser. Warum nicht Sonntag? Seit einem Jahr geht das ja. Um 15.30 Uhr.
Man muss nicht alle Argumente wiederholen: Der Ligaverband DFL folgte mit der Ausweitung des Spieltags dem Diktat der Fernsehanstalten. Die Verantwortlichen machen daraus auch gar keinen Hehl. Der Trainer Peter Neururer, der sich aufregte, wurde vom DFL-Vorsitzenden Reinhard Rauball öffentlich abgewatscht.
Doch ohne die Zustimmung des DFB und seiner Landesverbände wäre es nichts geworden mit dem Sonntag-Spiel um 15.30 Uhr. Auch der Schleswig-Holsteinische Fußballverband nickte ab. „Das darf man nicht isoliert sehen“, sagt Hans-Ludwig Meyer, der Präsident des SHFV. Dank des Grundlagenvertrags mit der DFL fließe „ein nicht unerheblicher Teil der Fernsehgelder in den Amateurbereich des DFB. Wir brauchen diese Unterstützung“.
Ob es in Hamburg Karambolagen zwischen Fans geben wird, ist ungewiss. Kollisionen sind anderweitig längst passiert, und das geht weit über das hanseatische Stadtgebiet hinaus. Das Derby am Millerntor wird keinen Fußballfreund im Umkreis von 100 bis 200 Kilometern kalt lassen.
Nicht nur auf St. Pauli oder im Volkspark werden sich Fußball-Enthusiasten treffen. Gaststätten mit Übertragungslizenzen stocken den Biervorrat auf. Wohnzimmer, deren Flimmerkasten empfänglich für das Bezahlfernsehen ist, werden zur Fußball-Zone, mit viel Besuch aus der Nachbarschaft.
Die Amateure? Kannst du vergessen.
Es gibt aber tatsächlich noch ein paar Fußballspiele, in denen die Kicker ihrem Hobby nachgehen, das aber auch nicht billig ist, weshalb man Besucher willkommen heißt, die ein Eintrittsgeld entrichten. Dieses Geld wird übernächsten Sonntag sparsam fließen.
Dem Profi-Verband DFL kann das egal sein. Er ist allein dem Geschäft verpflichtet. Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband dagegen wird von unterklassigen Vereinen nicht als Interessenvertreter ihrer Belange angesehen. „Wenn der HSV parallel spielt, sind in der Kneipe mehr Zuschauer als bei uns auf dem Platz“, hat schon während der Entscheidungsfindung Ulf Meislahn, der Vorsitzende des MTV Tellingstedt, den SHFV-Verantwortlichen entgegengeschleudert.
Die Amateure? Kannst du vergessen.
Das Klima zwischen Kiel und Westküste ist belastet. Widerstand formiert sich. Der Vorsitzende des Fußball-Kreises Dithmarschen, Gustav Haack, ist so ein Stachel im Fleische. Er hat gerade erst vor dem Sportgericht gegen die Verbandsführung gewonnen. Dabei ging es um die Wahl des Endspielortes für das Landespokal-Finale.
Der SHFV hatte zunächst grundsätzlich für Kiel votiert. Schon das widerspricht sportlichen Gepflogenheiten. Als höchstklassiger Verein des Landes ist die KSV Holstein Kiel „geborener“ Finalteilnehmer und wird dafür dann auch noch mit dem Heimrecht belohnt, so- dass es dem in der Regel unterklassigen Gegner noch schwerer gemacht wird, dieses Endspiel zu gewinnen und die mit rund 100 000 Euro pro Verein dotierte erste Hauptrunde im DFB-Pokal zu erreichen.
Als nun aus Lübeck Protest kam, setzten sich SHFV-Präsidiumsmitglieder mit Holstein Kiel, mit dem VfB Lübeck, mit dem SV Eichede und der FT Eider Büdelsdorf zusammen. Die Auswahl war willkürlich. Das Gremium entschied sich für Lübeck als alternativen Finalort.
Kiel, Lübeck, Büdelsdorf, Eichede – als hörte der Fußball für den SHFV nordwestlich des Kanals auf. Deutlicher kann eine Demütigung nicht sein.
Zur Sicherheit geht St. Pauli auf den Sonntagnachmittag. Mit Sicherheitsbedenken begründet der Schleswig-Holsteinische Fußballverband die Wahl seines Pokal-Endspielorts. Diese Sicherheit wäre, wie er sagt, in Flensburg oder Heide oder Itzehoe nicht gewährleistet. „Wir haben in Neumünster erlebt, dass ein Spiel erst in letzter Sekunde von der Polizei genehmigt wurde“, sagt SHFV-Geschäftsführer Jörn Felchner.
Hans-Jürgen Fröhlich, der Vorsitzende des Kreisfußballverbandes Nordfriesland, kann dem nicht folgen. „Wir hatten St. Pauli in Bredstedt, den HSV in Leck, und nie ist irgendetwas passiert.“
Hingegen stand das Landespokalfinale im Mai zwischen Holstein Kiel und dem VfB Lübeck vor dem Abbruch, nachdem dem Kieler Torhüter Michael Frech aus dem eigenen Fan-Block Knallkörper um die Ohren geschleudert worden waren. Der Schiedsrichter musste die Partie für längere Zeit unterbrechen.
So sicher ist Kiel.
Das Sicherheitsargument ist indes nicht das maßgebende. Es geht auch hier ums Geld. Unter dem Aktenzeichen HRB 11694 hat der Schleswig-Holsteinische Fußballverband am 3. Februar 2010 die Vermarktungs- und Vertriebsgesellschaft „torwärts“ gegründet. Präsident Hans-Ludwig Meyer hat den Vertrag vor dem Kieler Notar Dr. Volker Arndt unterschrieben. Geschäftsführer der Gesellschaft sind Jörn Felchner, Justiziar des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, und der Schulfußballreferent Moritz Lufft. Ziel der Gesellschaft ist: „. . . die Übernahme sämtlicher Rechte der Vermarktungs- und Vertriebsaktivitäten des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes e. V.“
Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen. Man kann Steuern sparen. Der Verdacht aber, dass die Akquisition von Sponsoren für die Gesellschaft „torwärts“ mit sportlich fragwürdigen Entscheidungen wie dem Endspiel-Heimrecht für Holstein Kiel gekoppelt ist, weil eine VIP-Schaukel in Kiel repräsentativer ist als ein Tagungsraum in Heide (und sich Sponsoren außerdem eine weite Fahrt über den Nord-Ostsee-Kanal sparen können) – dieser Verdacht ist keine Phrase.
Jörn Felchner räumt das mittlerweile auch ein: „Wir hatten einmal ein Endspiel, wo der Vertreter des Sponsors vom Heimverein nicht einmal begrüßt wurde.“ Sponsorengelder, sagt Felchner, seien aber eine wichtige Säule der Finanzierung auch im Bereich des Breitensports und der Nachwuchsförderung. „Jeder weiß, dass die Mittel für den Amateursport insgesamt weniger werden.“
Der Verbandsvorsitzende Hans-Jürgen Fröhlich aus Breklum hingegen stößt sich, wie Gustav Haack aus Dithmarschen, besonders an der fehlenden Transparenz. „Das SHFV-Präsidium betreibt Verbandspolitik nach Gutsherrenart. Man geht nicht ehrlich mit uns um“, sagt Fröhlich.
Oder anders: Vom Schleswig-Holsteinische Fußballverband fühlen sich manche Vereine und Kreisverbände verstoßen wie Kinder von Rabeneltern.
Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband hält seinen ordentlichen Verbandstag nur noch alle vier Jahre ab. Das wichtigste Gremium zwischen diesen Verbandstagen ist der SHFV-Beirat, dem neben dem SHFV-Vorstand die 14 Vorsitzenden der Fußball-Kreise des Bundeslandes angehören.
Eichede und Büdelsdorf wurden in Sachen Pokalendspielort gefragt, den Beirat als wichtiges Entscheidungsgremium ließen sie außen vor. Der Beirat weiß auch von der Gesellschaft „torwärts“ offiziell nichts. Dabei wurden der Kasse des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes 12 500 Euro entnommen – für weitere 12 500 Euro muss eine Bürgschaft geleistet werden –, um das Stammkapital einbringen zu können. Geld, das sich, wie Geschäftsführer Felchner sagt, rasch amortisieren wird: „Die Gewinne der Gesellschaft gehen an den Verband. Der SHFV hat für das laufende Geschäftsjahr 125 000 Euro in seinen Haushalt gestellt. Wir sind auf einem guten Weg, die zu erwirtschaften.“ Im Jahr 2009 seien es nur 65 000 Euro gewesen.
Doch das alles ist ja weniger ein technokratisches, eher ein atmosphärisches Problem – wie immer, wenn sich Fronten verhärtet haben. Der Beirat des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes tagt übermorgen. Die Vertreter der West-Kreise wollen die Ungereimtheiten offen und deutlich zur Sprache bringen.
Es kann sein, dass sich das Verhältnis zwischen schleswig-holsteinischer Verbandsspitze und den Westküsten-Vertretern nicht verbessert.
09.09.2010
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