|
| |
|
Tag der Erlösung
Dem vor dem Aus stehenden Dystar-Werk wird neues Leben eingehaucht
Von Michael Behrendt
Brunsbüttel – Die guten Nachrichten aus dem Brunsbütteler Industriepark sind rar geworden. Das Drama um den in die Zahlungsunfähigkeit geratenen Textilfarbenhersteller Dystar hat den Standort in den zurückliegenden Monaten bewegt. Das Aus für das Werk war bereits besiegelt, spätestens 2012 sollten hier die Lichter ausgehen, die Anlagen abgerissen werden. Doch nun – die wenigsten haben das noch für möglich gehalten – wird dem Werk doch tatsächlich neues Leben eingehaucht. „Heute ist ein historischer Tag“, sagte Dystar-Standortleiter Dr. Karl Heinrich Lange gestern Mittag. In der Tat.
Ein Jahr lang hatten die Dy-star-Mitarbeiter gehofft und gebangt. Hatten ihre Spinde bereits leergeräumt, in ihren Büros Platz geschafft für die Mitarbeiter der Arbeitsagentur, die hier Arbeitslosmeldungen im Akkord entgegengenommen haben, als sich zunächst kein Investor fand. Dann die zermürbende Zitterpartie um die indische Kiri Dyes und Chemicals Ltd., die nach dem Werk griff, aber lange als nicht zahlungsfähig schien. Und als der Deal dann doch noch perfekt gemacht wurde, die Frage: Soll dieses Werk, das doch als eines der modernsten seiner Art in der Welt so hoch gelobt wird, tatsächlich 2012 geschlossen, dem Erdboden gleichgemacht werden? Unumkehrbar?
Eine fast zwölfmonatige, nervenzerreißende Berg- und Talfahrt ist für die Belegschaft mit dem erneuten Verkauf am Dienstagabend (wir berichteten in unserer gestrigen Ausgabe) zuende gegangen. Und so lässt sich gut nachfühlen, warum dem einen oder anderen gestern Mittag nach der Informationsveranstaltung im kleinen Verwaltungsgebäude im Schatten des einst so stolzen Werks die Tränen in den Augen gestanden haben – Freudentränen. Alle 120 Mitarbeiter sollen unbefristete Arbeitsverträge angeboten bekommen.
„Heute ist ein großer Tag“, gibt denn auch Lutz Bollmann, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, zu Protokoll. Wenige Minuten zuvor hatte Dr. Achim Riemann, Direktor der Frankfurter International Chemical Investors Gruppe, vor versammelter Mannschaft erläutert, was er künftig mit dem Werk vorhat. Die Zeiten, in denen hier ausschließlich Textilfarben produziert wurden, sind ab dem 1. Oktober Geschichte. Denn damit – zu groß ist der Kostendruck durch die Konkurrenz in Asien – sei hierzulande kein Staat mehr zu machen, so Riemann. Zwar hat man sich in den Übernahmegesprächen mit Dystar-Eigner Kiri darauf verständigt, bis Ende 2011 im Auftrag der Inder entsprechende Farbstoffe weiter zu produzieren. Doch das Textilfarbgeschäft wird künftig nur noch einen Bruchteil dessen ausmachen, was im Brunsbütteler Werk hergestellt wird. Vom reinen Textilfarbstoffhersteller zum breiter aufgestellten Mehrzweckbetrieb – so soll die Zukunft hier aussehen.
Neuer Eigner des Werks ist die frisch gegründete Chemische Fabrik Brunsbüttel, kurz: CFB, als hundertprozentige Tochter der CBW Chemie GmbH Bitterfeld Wolfe, die wiederum als Partnerunternehmen die WeylChem Gruppe an ihrer Seite hat. Beide werden den Standort künftig als gemeinsame Produktionsplattform nutzen: Die CBW will mit den Anlagen in Brunsbüttel ihre Aktivitäten auf dem Gebiet der Auftragssynthese von Papier-, Textil-, und Lederfarbstoffen ausweiten. WeylChem, ein führender Produktionspartner der Pflanzenschutzmittelhersteller, beabsichtigt, zukünftig auch Phosgenierungen anzubieten und damit das eigene Technologieportfolio abzurunden. Neben den Farbstoffsynthesestraßen verfügt das Werk nämlich auch über Produktionslinien zum Halogenaus-tausch und für Umsetzungen mit Phosgen. Das hat es für den neuen Investor so interessant gemacht.
Harry Dobrowolski, Leiter des operativen Geschäftsbereiches bei der Dystar Colours Deutschland GmbH, macht keinen Hehl daraus, dass die ursprünglichen Pläne der Inder, in Brunsbüttel bis Ende 2011 weiterzuproduzieren und sich dann aus Deutschland zu verabschieden, zuletzt zum Scheitern verurteilt waren, da immer mehr Mitarbeiter – trotz ausgelobter Bleibeprämie – das sinkende Schiff verlassen haben. Das offenbar hat die Inder dazu bewegt, sich einem Folge-Investor zu öffnen. „Nun haben wir einen Win-Win-Situation, von der alle profitieren“, konstatiert Dobrowolski: Bis Dystar seine Anlagen in Indien zum Laufen gebracht hat, wird weiter im Auftrag in Brunsbüttel produziert, was Dystar ermöglicht, seine Kunden nahtlos und in gewohnt hoher Qualität zu beliefern. Das Werk wiederum bekommt durch den neuen Eigner eine neue Zukunftsperspektive, und zwar weit über das Jahr 2012 hinaus.. Die Chancen, so Riemann, stünden nicht schlecht: „Wir werden der einzige wesentliche Farbstoffbetrieb in Zentraleuropa bleiben“.
09.09.2010
|