Alkohol an Minderjährige verkauft
Zwei Discounter fallen bei Testkäufen von Neuntklässlern durch und Eltern sind oft Bezugsquelle
Meldorf – Das Thema Alkohol und Jugendliche beschäftigte im Rahmen des Projektes „Schule macht Zeitung“ die Klasse 9c der Meldorfer Gelehrtenschule (MGS), Sie machten unter anderem Testkäufe und eine Umfrage. Die Ergebnisse dieses Projektes hat Anne Tharra zusammengefasst.
„Ohne mit der Wimper zu zucken, verkaufte die Kassiererin uns die Flasche Sekt!“, erzählen Jugendliche von ihrem Test. Zuvor hatte die Marktleiterin des Discounters – von anderen Jugendlichen befragt –noch betont, dass die Kassiererinnen nie Alkohol an Minderjährige verkaufen würden. In einem anderen Discounter beteuerte man, dass ein Schülerausweis anstatt eines Personalausweises nicht ausreichen würde. Auch dies wurde durch einen Testkauf widerlegt. Zwei 15-jährige Mädchen bekamen dort unter Vorlage ihres Schülerausweises eine Flasche Sekt.
Doch Minderjährige versuchen nicht nur selbst, an den Alkohol zu kommen. Sie suchen sich häufig Ältere, die für sie den Alkohol besorgen. „Die stehen draußen an der Ecke und warten auf einen Freund, der ihnen Alk besorgt. Da können wir nichts machen“, erzählt eine Tankstellen-Kassiererin.
Die beiden erfolgreichen Testkäufe lassen darauf schließen, dass Mädchen offenbar als vertrauenswürdiger gelten. Denn beide Male waren es Mädchen, die den Alkohol bekamen, während es den gleichaltrigen Jungen in denselben Geschäften nicht gelang. Das hier offensichtlich greifende Vorurteil, Mädchen gingen zurückhaltender mit Alkohol um, wurde durch eine Schüler-Umfrage in den neunten und zehnten Klassen der MGS widerlegt.
Fast die Hälfte der 14- bis 15-jährigen Mädchen gab an, nur so viel Alkohol getrunken zu haben, dass es sich nicht bemerkbar gemacht habe. Erst acht Prozent hatten schon einmal einen leichten Rausch; die Jungen dagegen lagen hier mit 17 Prozent deutlich vorne. Bei den 16- bis 17-Jährigen aber drehte sich das Verhältnis um. 25 Prozent von ihnen gaben zu, schon einmal einen leichten Rausch erlebt zu haben, während die Zahl der Jungen mit etwa 17 Prozent gleich hoch blieb. Mädchen fangen also nur später mit dem Wirkungstrinken an.
Dies wird auch von der Meldorfer Polizei bestätigt. „Das Trinken findet querbeet statt. Es fallen zwar immer noch eher männliche Personen auf, aber zunehmend auch Mädchen“, sagt Polizeistationsleiter Jürgen Bauer.
Aus der Schüler-Umfrage geht auch hervor, dass der Alkoholkonsum Jugendlicher mehrheitlich von Elternseite akzeptiert wird. Bei 64 Prozent der weiblichen und 40 Prozent der männlichen 14- bis 15-Jährigen wissen die Eltern, dass sie Alkohol konsumieren, und sie finden dies „okay“.

Die Eltern scheinen auch zu glauben, dass Jungen das Trinken öfter übertreiben. Denn es gaben nur 39 Prozent der männlichen und aber 47 Prozent der weiblichen 14- bis 15-Jährigen an, den Alkohol für private Feiern von ihren Eltern zu bekommen. Das zeigt, der Zugang zum Alkohol wird schon in jungen Jahren maßgeblich im Elternhaus angebahnt.

Theorie und Praxis
Von Julius Meyer-Ohlendorf
„Wir verkaufen niemals Alkohol an Minderjährige!“, so beteuern alle Supermarktverkäufer in Meldorf. Aber bei Testkäufen wurde in zwei Fällen diese Einstellung dann doch nicht eingehalten, denn minderjährige Mädchen erhielten bei drei Versuchen zweimal doch Alkohol. Nur Jungen gerieten in das Netz der Kassenkontrollen.
Kann man die erfolgreichen Testkäufe daran festmachen, dass die Mädchen älter wirken und es beim Trinken nicht gleich übertreiben, wie gemeinhin angenommen wird? Beeinflusst dieses Vorurteil die Verkäuferin darin, hier mal ein Auge zuzudrücken? Oder nutzen die Mädchen ihre Waffe der Frühreife nur raffiniert aus? Oder flutschen sie schließlich nur durchs Netz, weil die Verkäufer die Minderjährigen doch als ein zusätzlich willkommenes Geschäft ansehen?
Dieser ganze Missstand zeigt doch offensichtlich, dass die in der Theorie so schön gedachten, engen Maschen des Jugendschutzgesetzes in der Praxis noch viel enger gezogen werden müssen, damit die trinkfreudigen Fische im Netz zappeln. Das Einfachste wäre doch: In jedem Fall immer den Personalausweis zeigen lassen!
Mädchenbild aktualisieren
Von Yvonne Friedrich
Dass Mädchen beim Thema Alkohol mehr Vertrauen entgegengebracht wird als Jungen, steht, denke ich, außer Frage. Schließlich erhielten sie bei Testkäufen im Gegensatz zu den Jungen in zwei Fällen unerlaubt Alkohol.
Aber auch die Eltern sind nicht ganz schuldlos. Unseren Umfragen zufolge beziehen 50 Prozent der 14- und 15-Jährigen den Alkohol aus ihrem Elternhaus. Wird hier ein Problem sträflich ignoriert oder aber setzt man auf die Vernunft des Nachwuchses, der es schon nicht übertreiben wird? Bleibt die Frage, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt ist.
Meiner Meinung nach kann man Mädchen zwar keinesfalls verantwortungslos nennen, aber eine derartige Bevorteilung haben sie auch nicht verdient. Das Bild des lieben, braven Mädchens ist ein Vorurteil und aus alten Zeiten. Mädchen haben sich verändert. Sie sind infolge freier Erziehung und starker Gleichberechtigung selbstbewusster und mutiger geworden. Auch sie nehmen an Trinkgelagen teil und die Zahl der Komatrinkerinnen steigt.
Die Erwachsenen sollten ihr Bild von weiblichen Jugendlichen aktualisieren, um dann ein
zeitgemäßeres Urteil fällen und angemessen handeln zu können. Dies gilt vor allem für die Eltern.

 

19.02.2010