Netzwelt

Visable tritt gegen Internet-Riesen an

Hamburg (dpa) - Die Geschichte von «Wer liefert was» (WLW) begann 1932 als Katalog der Leipziger Messe. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der in Hamburg verlegte Katalog schnell zum Standard-Nachschlagewerk für gewerbliche Einkäufer.

Nach einer wechselvollen Geschichte, in der sich WLW zuletzt als Plattform für Business-to-Business-Geschäfte quasi neu erfunden hat, wird nun ein neues Kapitel aufgeschlagen. Unter der neuen Dachmarke «Visable» will WLW auch gegen internationale Player wie Alibaba.com, Indiamart oder Thomas (USA) bestehen.

Beim Einstieg in die neue Internet-Welt war WLW zunächst ganz vorne mit dabei: Bereits 1995 - noch ein Jahr vor der Gründung von Google - ging der Katalog als Spezialsuchmaschine online. Allerdings dümpelte das Online-Geschäft dann jahrelang nur so vor sich hin. Erst 2012 gelang ein Neustart unter dem neuen Firmenchef Peter Schmid, der zuvor die Partner-Börse Parship geleitet hatte.

Schmid steuerte nach seinem Antritt hart um. «In der alten Form eines Adressverzeichnisses konnten wir nicht auf Dauer überleben», sagt er. WLW sollte internationaler werden. Außerdem sollten vor allem Produkte gesucht werden können, nicht nur Firmen. 2016 übernahmen die Hamburger dann die französische Firma Europages, das bedeutendste europäische B2B-Verzeichnis. Inzwischen werden auf WLW und Europages über neun Millionen Produkte gelistet. Um die technologische Basis zu erneuern, schluckte WLW Anfang Mai das Berliner Kleinanzeigenportal Gebraucht.de.

Die neue Dachmarke Visable ist ein Kunstwort, das aus den englischen Worten «visible» (sichtbar) und «enable» (befähigen) zusammensetzt wurde. Ziel des Unternehmens ist, in 29 europäischen Märkten kleine und mittelständische Unternehmen in die Lage zu versetzen, digitale Vertriebswege für sich zu nutzen und international sichtbar zu sein.

Unter dem neuen Firmendach Visable werden die Marktplätze «Wer liefer was» und «Europages» weiterhin unter den traditionellen Markennamen betrieben. Außerdem bietet Visable eine Reihe von Dienstleistungen im Online-Marketing an. Dazu gehört das zielgenaue Platzieren von Anzeigen bei Google oder Bing. Auch das sogenannte Retargeting kann angeboten werden. Dieses Verfahren sorgt beispielsweise dafür, dass eine Suche nach einem Dieselgabelstapler auf WLW zur Folge hat, dass auch auf anderen Webseiten dynamisch Anzeigen zu Dieselgabelstaplern erscheinen. Außerdem können sich die Experten von Visable um die Optimierung von Firmen-Daten und die Analyse des Traffics auf den Firmen-Webseiten kümmern.

Die Firmengruppe beschäftigt inzwischen 370 Mitarbeiter und macht in diesem Jahr über 60 Millionen Euro Umsatz. Firmenchef Schmid sieht das Potenzial als «riesig» an, weil sich der Mittelstand im Vertrieb und Marketing noch enorm entwickeln werde: «Der Online-B2B-Markt wird laut einer Studie von Frost & Sullivan im Jahr 2020 mit 6,7 Billionen US-Dollar doppelt so groß sein wie der Online-Einzelhandels-Markt mit 3,2 Billionen.»

Inzwischen adressiert insbesondere auch Amazon den Geschäftsmarkt (B2B), doch Amazon Business fokussiert sich dabei eher auf die Dinge, die Unternehmen für den täglichen Betrieb einkaufen, wie Bürobedarf oder kleinere Elektronikgeräte. Auch beim chinesischen Handelsriesen Alibaba.com stehen vor allem Smartphones, Elektrokabel und andere Waren, die auch private Verbraucher interessieren, auf der Homepage. Bei den Chinesen kann man aber auch Mähdrescher und Gabelstapler einkaufen.

Visable grenzt sich in zwei Punkten von der großen internationalen Konkurrenz ab. Zum einen fokussiert man sich auf den europäischen Markt. Auf den Visable-Plattformen kann man auch nichts in einen virtuellen Warenkorb legen. Hier werden die Geschäfte nur angebahnt. Wenn die gesuchten Maschinen oder andere B2B-Produkte bei WLW oder Europages aufgestöbert werden, schließen die Vertragsparteien dann in der Regel ganz analog die Einkaufverträge ab. An diesem Geschäftsprinzip will Visable nicht rütteln.

Visable-Chef Schmid setzt auch persönlich voll auf sein Projekt. Im Februar 2017 übernahm er zusammen mit der schweizerischen Beteiligungsgesellschaft Capvis und Kollegen aus dem Management das Unternehmen von der Investmentgesellschaft Paragon Partners, die 2010 die Wende bei WLW eingeleitet hatte.