Wiemerstedt

35 Jahre alte Störchin aus Wiemerstedt wurde angeschossen

Harte Winter, ein lahmes Bein und ein hohes Alter: Die Wiemerstedter Storchendame hat schon viel miterlebt. Als Opfer einer Straftat endet nun ihre Freiheit.

Nun steht es fest: Jemand muss auf das Tier geschossen haben. Im Flügelgelenk der 35-jährigen Dame steckt ein „mindestens 5,5 Millimeter großes Projektil“, sagt Rolf Zietz und spricht von einer „unglaublichen Freveltat“.

Ende August klingelte das Telefon des Storchenbetreuers für das nördliche Dithmarschen. „Mich rief der Altbauer Detlef Hinrichs an.“ Er glaubte, die Störchin stürbe, sie lag an einem Tag mit mehr als 30 Grad Celsius auf der Koppel und bewegte sich kaum. „Wir haben sie gefunden – stehend –, der Flügel hing herunter.“ Beim Fluchtversuch überschlug der Vogel sich. Die beiden Retter schnappten sich das Tier. „Ein Seeadler saß ziemlich dicht bei ihm.“ Die Anwesenheit der Menschen hat wohl verhindert, dass er sich die Störchin schnappt.

Nachdem der Weißstorch eingefangen war, vermutete Zietz, dass der Flügel gebrochen sei. Aber das Gelenk war zu bewegen, kein Blut zu sehen, so dass die Vermutung nahe lag, es handele sich um eine Zerrung. „Der Tierarzt sagte, wenn es nicht besser wird, müssen wir röntgen.“ Dieses später aufgenommene Röntgenbild lenkte nun die Aufmerksamkeit in eine Richtung, die niemand erwartet hatte: auf ein Projektil im Körper. „Sie ist eindeutig beschossen worden.“

Die Störchin wurde 1984 in Friedrichsgraben im Kreis Rendsburg-Eckernförde auf der anderen Eiderseite bei Tielenhemme beringt. „Sie ist wohl die älteste freifliegende Störchin Deutschlands“, meint Zietz. In Wiemerstedt ist sie bekannt und beliebt. Das Besondere an dem Tier neben seinem Alter: Im Gegensatz zu den anderen Zugvögeln ihrer Art bleibt sie im Winter in Deutschland. „Sie hat seit 16, 17 Jahren treu und brav mit ihrem Partner in Wiemerstedt überwintert.“

Doch die Zeit ist vorbei. Mit der Verletzung kann die alte Dame zwar noch weiterleben, sie muss allerdings ihre Freiheit aufgeben. „Die Störchin wurde in diesem hohen Alter noch zum Dauerpflegling, muss ihr Gnadenbrot nun in Gefangenschaft erhalten.“ Denn mit 35 Jahren hält sie eine Operation nicht mehr aus. Sie lebt nun in der Auffangstation in Erfde.

Die Empörung ist Zietz deutlich anzumerken. „Sie hat so viel überlebt und dann fällt sie einem Idioten zum Opfer“, ärgert er sich. Der Storchenvater erinnert sich, dass das Tier einst bei Glatteis vom Eternitdach rutschte. „Seitdem lahmte sie. Aber sie kam damit klar.“ Über harte Winter half im Zweifel die Besitzerin des Grundstücks, auf dem der Horst steht. Sie fütterte zu.

Der Partner der Störchin, der ebenfalls im Winter in Dithmarschen bleibt, ist nun allein. Im vergangenen Jahr hatte das Paar seinen letzten Bruterfolg. In diesem Jahr starben die Küken beim Schlüpfvorgang. „Es bleibt abzuwarten, ob er jetzt das Reisen anfängt. Jedenfalls muss er sich eine neue Partnerin suchen.“ Rolf Zietz hat die angeschossene Störchin zuletzt am Sonntag in Erfde besucht. „Sie versucht den Flügel anzulegen.“ Entweder transportiert der Körper das Geschoss in den kommenden Wochen heraus „oder es verkapselt sich“. Zur Polizei ist der Storchenvater noch nicht gegangen. Er will auch noch mit der Bürgermeisterin sprechen. „Vielleicht spricht die Gemeinde eine Belohnung aus, um den Täter zu finden.“