EXTRA: 30 JAHRE MAUERFALL

Am Ende der Welt

Am 9. November jähren sich der Mauerfall in Berlin und die Öffnung der Grenze zwischen Bundesrepublik und Deutscher Demokratischer Republik zum 30. Mal. Wir berichten in einer Artikelserie über das schleswig-holsteinisch-mecklenburgische Grenzgebiet vor und nach der Wende 1989/90.

Zu Wort kommen unter anderem Zeitzeugen, die zu DDR-Zeiten auf östlicher Seite im Sperrgebiet lebten, sowie ein Bürgermeister einer ehemals grenznahen westdeutschen Gemeinde, der bereits vor dem Ende der DDR im Amt war. Andere Themen sind das Schicksal Michael Gartenschlägers, der 1976 beim Versuch, eine an einem Grenzzaun montierte Selbstschussanlage abzubauen, von einem Kommando der DDR-Staatssicherheit (Stasi) erschossen wurde, sowie die bis zur Wende spezielle Grenzsituation auf dem Priwall in Lübeck-Travemünde an der Ostsee.

Von Uwe Törper

Ziethen – Karl-Horst Salzsäuler wundern die Wahlerfolge der AfD in den östlichen Bundesländern überhaupt nicht. Dort sei in den drei Nach-Wende-Jahrzehnten politisch viel falsch gelaufen, bei der Infrastruktur sei Wichtiges versäumt worden, meint der 72-Jährige, der seit 1982 Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ziethen am östlichen Rand von Ratzeburg ist. 

Das Dorf lag unmittelbar an der Grenze zur DDR und war deswegen vom Osten abgeschnitten. „Das war hier das Ende der Welt“, beschreibt Salzsäuler die damalige Situation. Richtung Osten hörte der Weg für die Bewohner nach ein paar hundert Metern an Schlagbäumen bei Mustin und am Mechower See auf. Viel Autoverkehr gab es nicht, Gewerbe beschränkte sich auf vielleicht 20 Bauernhöfe. „Wir hatten hier ein ruhiges Leben“, sagt der Bürgermeister und meint das offenbar auch positiv. „Abzuschließen brauchten wir unsere Häuser im Gegensatz zu heute nicht.“ 

Die Äcker des Landwirts Salzsäuler im nördlichen Ortsteil Wietingsbek reichten bis an die Grenze, die nach dem Mauerbau in Berlin im Jahr 1961 insgesamt eine andere wurde. Eine kaum noch durchlässige. Denn die Zeit der laschen Grenzkontrollen war vorbei. Die DDR baute die Grenzsicherung massiv aus. An der deutsch-deutschen Grenze entstanden Hunderte Wachtürme, dazu Kontrollstreifen, Sperrzonen, Gräben und Zäune. Minen wurden im Boden verlegt, die Zäune wurden später zusätzlich mit Selbstschussanlagen ausgestattet. Büsche und Bäume wurden beseitigt, damit die Grenzschützer bessere Sicht hatten und potenziellen Flüchtlingen ihr Vorhaben erschwert wurde. Schluss war mit den zufälligen Begegnungen und dem sich dabei hin und wieder ergebenden Plausch mit DDR-Grenzschützern. Diese waren nun außer Sichtweite, außerdem waren ihnen nun solche Westkontakte strikt untersagt, wie Salzsäuler erklärt. 

1989 brachte auch für Ziethen eine Wende. Der Bedarf an Baugrundstücken stieg, weil den Westdeutschen nun auch das östliche Nachbarbundesland als Arbeitsmarkt zur Verfügung stand, Mecklenburg-Vorpommern als Wohnort bei den „Wessis“ aber nicht so gefragt war. Bauern wie Karl-Horst Salzsäuler nutzten die Möglichkeit, landwirtschaftliche Flächen jenseits der früheren Grenze zu pachten. Auch Handwerksbetrieben eröffnete sich im Osten ein zusätzlicher Markt. Nach 2000 entstand in Ziethen ein Gewerbegebiet mit zum Beispiel Autowerkstätten. Mehrere Bebauungspläne wurden aufgelegt. Aktuell ist gerade ein weiterer B-Plan für 45 Grundstücke ausgewiesen worden. Die Einwohnerzahl seiner Gemeinde habe sich während seiner Amtszeit auf heute rund 1200 verdoppelt, sagt der Bürgermeister. Ziethen profitiere bei der Baulandnachfrage davon, dass im benachbarten Ratzeburg die entsprechenden Kapazitäten weitgehend erschöpft seien. 

Die Berliner Mauer fiel am 9. November 1989. Salzsäuler fuhr an jenem Tag zum Grenzübergang nach Lübeck-Schlutup, um dort Verwandte aus dem Osten zu treffen. Am 11. November wurde die Bundesstraße 208 bei Mustin geöffnet, in Wietingsbek am Mechower See wurde die Straße nach Schlagsdorf Ende 1989 für Fußgänger und am 1. Juli 1990 endgültig auch für Autos frei. Dem Ziethener Bürgermeister lag es besonders am Herzen, nach dem 9. November ins Nachbardorf Schlagsdorf nördlich des Mechower Sees zu kommen. „Das war mein großer Wunsch.“ Am Heiligabend 1989 trafen sich dann beide Gemeindevertretungen in Schlagsdorf. Am Silvestertag gab es in Wietingsbek anlässlich der am selben Tag erfolgten, zunächst nur zweitägigen Öffnung der Straße eine große Wiedervereinigungsfeier. 

In den Folgejahren seien zwischen Ziethen und Schlagsdorf viele Freundschaften entstanden, sagt Salzsäuler. Salzsäuler hat als ehemaliger Grenzlandbewohner wohl zwangsläufig eine andere Sicht auf und ein anderes Verständnis für die Befindlichkeiten von Ostdeutschen als andere Westdeutsche. Die Politik habe Schuld an der zum Teil deutlich schlechteren Infrastruktur in den Ost-Bundesländern, an den Lücken im Öffentlichen Personennahverkehr und an den Defiziten in der ärztlichen Versorgung, auch am Fehlen von Industrie und am Arbeitsplatzmangel. Problematisch sei zudem die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung vor einigen Jahren gewesen – Deutschland habe sich zu sehr den Migranten geöffnet, meint Salzsäuler. Gleichzeitig gebe es in Deutschlands Osten ein „Überalterungsproblem“ wegen der vielen Wegzüge von Einwohnern Richtung Westen. Unter diesen Bedingungen „kommt eben Frust auf“, sagt der Bürgermeister.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte an der lauenburgisch-mecklenburgischen Grenze ein Gebietsaustausch: Zur besseren Kontrolle des Grenzbereichs durch die Alliierten wurden die unter russischer Besatzung stehenden mecklenburgischen Gemeinden Ziethen, Bäk, Mechow und Römnitz gegen die unter britischer Besatzung stehenden ehemaligen lauenburgischen Dörfer Dechow, Thurow, Bernstorf, Hakendorf, Stintenburger Hütte, Lassahn, Techin und Stintenburg am Schaalsee ausgetauscht. Der Vertrag von Gadebusch vom November 1945 legte fest, dass Ziethen, bis dahin zu Mecklenburg gehörig, zum Westen beziehungsweise zum 1949 als Bundesland gegründeten Schleswig-Holstein kam. Für die betroffenen Gemeinden bedeutete der Gebietstausch für die nächsten Jahrzehnte eine weitreichende Weichenstellung. Nach der Wende habe der erste Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns, Alfred Gomolka (CDU), die Ziethener gefragt, ob sie zu seinem Bundesland gehören wollten, erzählt Bürgermeister Karl-Horst Salzsäuler. „Wir wollten nicht. Wir hätten dadurch keine Vorteile gehabt.“ Im Gegenteil sei es unter anderem wegen der unmittelbaren geografischen Nachbarschaft zu Ratzeburg für Ziethen auf jeden Fall die bessere Entscheidung gewesen, Teil Schleswig-Holsteins zu bleiben.