Meldorf

Barrierefreiheit in Meldorf: Reichlich Verbesserungsbedarf

Michael Hegger ist ein fröhlicher Mensch, meist hat er ein Lächeln im Gesicht. Doch das ist nicht selbstverständlich: Er leidet an einer Erkrankung des Zentralen Nervensystems und sitzt im Rollstuhl. Kein leichtes Schicksal in einer Stadt wie Meldorf.

„Ich liebe Meldorf, fühle mich hier sehr wohl und zu Hause, aber einfach macht man es den Rollstuhlfahrern hier nicht gerade“, sagt Hegger. Der 48-Jährige lebt seit rund 15 Jahren mit seiner Frau in Meldorf. Gebürtig stammt er aus Duisburg, aufgewachsen ist er am Niederrhein.

Als er und seine Frau den Entschluss fassten, nach Meldorf zu ziehen, ahnte Hegger noch nicht, dass sich innerhalb weniger Jahre sein komplettes Leben auf den Kopf stellen sollte. „Ich hatte immer mal wieder körperliche Symptome gehabt, mich schlapp und ausgelaugt gefühlt, mir aber nichts weiter dabei gedacht.“ Kurz vor Weihnachten im Jahr 2009 geschah es dann: Seine Füße konnten ihn nicht länger tragen und er fiel längs auf den Boden. Eine Untersuchung beim Arzt ergab den dramatischen Befund: Entzündung des Zentralen Nervensystems. Hegger war fortan querschnittsgelähmt und sein Rollstuhl wurde sein täglicher Begleiter.

Überraschenderweise ließ sich der Rheinländer von diesem Schicksalsschlag nicht aus der Bahn werfen. „Ich bin keiner, der sich zu Hause verkriecht, ich will am Leben teilhaben und etwas mitbekommen.“ Die Teilhabe am normalen Leben ist für den 48-Jährigen zu einer Lebensaufgabe geworden. Viele Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich sind, stellen Michael Hegger vor eine Herausforderung. „Es gibt gewisse Dinge, die ich einfach nicht machen kann in Meldorf. Das betrifft vor allem das Einkaufen in Geschäften, die nicht barrierefrei sind.“ Von diesen gibt es eine ganze Menge in Meldorf. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie neben dem normalen Treppeneingang für die Kunden keinen speziellen Eingang für Rollstühle vorhalten.

„Ich kann zum Beispiel kein Tee im Tee-Speicher kaufen, weil ich dort nicht reinkomme. Zum Tee kaufen fahre ich deshalb immer nach Heide“, sagt Hegger. In anderen Geschäften oder Läden hat der Rollstuhlfahrer teilweise Absprachen mit den Betreibern getroffen. Wenn er zu Warns will, fährt er beispielsweise immer durch den Hintereingang ins Geschäft. Wenn er in den Peter-Panter-Buchladen will, müssen lediglich die Ständer im Eingangsbereich weggestellt werden. Keine Probleme gibt es seiner Meinung nach bei der Fleischerei Colmorgen, beim Lokal.digital und bei der Lebenshilfe Dithmarschen. „Alle drei Geschäfte haben eine Rampe für Rollstuhlfahrer im Eingangsbereich, das macht es für mich unwahrscheinlich einfacher.“ 

Je weiter Hegger aber Richtung Bahnhof fährt, desto problematischer wird es. Am Ausgang des Zingels sind vor allem die kleinen Kanten auf den Seiten der Regenrinne kritisch. Will er sie mit seinem Rollstuhl überqueren, muss er dazu Anlauf nehmen, um nicht stecken zu bleiben oder hintenüber zu fallen. Und es geht weiter. „Die Unterführung am Bahnhof macht nur Spaß, solange es bergab geht. Der Weg wieder rauf ist ohne Unterstützung für mich kaum zu schaffen“, sagt Hegger. Dort sei das Ganze schlicht und ergreifend zu steil und nicht rollstuhlgerecht gebaut worden.

Immerhin ist der Weg zu den Zügen Richtung Hamburg einfacher gemacht worden. Dennoch: Die Unterführung ist ein kaum zu überwindendes Hindernis für Hegger. „Wenn ich nicht mein E-Rad dabei habe, fahre ich von Itzehoe kommend immer bis Heide durch, fahre von dort zurück nach Meldorf, um gleich am richtigen Gleis aussteigen zu können und nicht durch die Unterführung zu müssen.“

Eine der größten Herausforderungen für den Rollstuhlfahrer ist aber die Hindenburgstraße mit ihrem tückischen Kopfsteinpflaster und ihren abschüssigen Bürgersteigen. „Das ist die Hölle für mich. Vor allem die Hubbel sind fies und an den scharfen Kanten haue ich mir meine Räder kaputt.“ Will er an Sitzungen in der Amtsverwaltung teilnehmen, gehen die Probleme weiter. Veranstaltungen dieser Art sind in aller Regel im Sitzungssaal im Obergeschoss. Jedoch gibt es keine Fahrstühle. „Wenn mich keiner trägt, oder ich auf allen Vieren krieche, kann ich zu öffentlichen Sitzungen in Meldorf nicht gehen“, sagt Hegger. Für den engagierten 48-Jährigen ist das ein echtes Problem.

Er hofft, dass diese Probleme mit dem Umzug der Verwaltung in die Sparkasse der Vergangenheit angehören. Bis dahin muss er sich weiter durchkämpfen. Sein Wunsch an die Politik: Mehr Initiativen für Barrierefreiheit und mehr Zugeständnisse an die Rollstuhlfahrer in Meldorf. Dabei sieht er die Stadt schon auf dem richtigen Weg. „Es gibt aber noch jede Menge zu tun.“