Hollingstedt

„Das hat mit der NSDAP genauso angefangen“

Nationaler Populismus und rechter Terrorismus bereiten Hertha Sieburg Sorgen. Sie hat Auschwitz überlebt und weiß, welches unsagbare Leid vom überbordenden Nationalismus ausgehen kann. 75 Jahre nach ihrer Entlassung aus Konzentrationslagern wird die Überlebende 100 Jahre alt.

„Ach, jetzt reden wir schon wieder darüber“, sagt Sieburg. Sie will das Thema eigentlich nicht zu groß werden lassen. Sie redet lieber über die schönsten Jahre ihres Lebens, die sie mit ihrem Mann nach dem Krieg verbracht hat, die vielen Urlaube, das Haus in Hollingstedt.

Doch ihre Zeit in Auschwitz ist zu erdrückend, zu prägnant, als dass dieser Teil ihres Lebens nur ein Seitenaspekt sein könnte. Im Gegensatz zu anderen KZ-Überlebenden zieht es sie nicht wieder an den Ort der Peinigung zurück. „Da will ich nie wieder hin.“ Aber die Geschichte lässt sie dennoch nicht los. „Allen, die den Holocaust leugnen, würde ich gerne meine Bilder im Kopf zeigen.“

Als Kind eines leitenden Angestellten in einer chemischen Fabrik wuchs Hertha Sieburg im Hamburger Rand in Billwerder auf. Dem Nationalsozialismus sei ihre Familie distanziert begegnet. Einmal sei ihr Vater gefragt worden, wo denn das verpflichtende Bild Adolf Hitlers hänge. „Er antwortete: Schau mal in den Flur, achtern in de Eck.“

In Billwerder ging Sieburg, bis sie 1934 konfirmiert wurde, zur Schule. Eigentlich wollte sie Schneiderin werden. „Aber irgendwie zerplatzte das.“ Also begann ein Pflichtjahr beim Bäcker, gefolgt von einer Anstellung in einer bei einer Bergedorfer Schlachterei. „Dann wurden wir dienstverpflichtet in Moorfleet und ich habe meinen Mund nicht halten können“, sagt Sieburg. Die genauen Umstände ihrer Verhaftung kann sie nicht nennen. Mit Arbeitskolleginnen, einer „Clique“ wurde sie 1941 verhaftet und von den Nazis ohne Verfahren ins Frauen-KZ Ravensbrück geschickt.

Von dort ging es weiter im Folgejahr in das Vernichtungslager Auschwitz. Sie hauste in einer Baracke unweit der Rampe. Dort, wo die SS aussortierte, wer vergast wird, wer erst einmal überlebt, wo grausame Brutalität herrschte. „Wir durften nicht herausgucken, aber das haben wir ja doch gemacht.“ 1944 wurde sie im Viehtransportwaggon nach Wittenberge in eine Rüstungsfabrik gebracht. Über Ravensbrück ging es weiter nach Sachsenhausen, dort wurde sie im November entlassen. „Ich habe gesagt: Zum Geburtstag meines Vaters bin ich wieder zu Hause.“ Der war am 11. November. Es sollte klappen.

Nach dem Krieg lernte sie 1949 ihren späteren Mann Karl Sieburg kennen, der aus russischer Kriegsgefangenschaft kam – kriegsversehrt und wie sie nach ihrer Lagerhaft ausgemergelt. Sie bauten sich eine Existenz in Hamburg auf, heirateten 1953. Neben Reisen in die Berge, beispielsweise ins Ötztal, haben die beiden ihre Sommer in Warwerort verbracht. „Im Winter sind wir nach Büsum ins Wellenbad gefahren.“

Als Karl Sieburg in den Vorruhestand ging, kaufte sich das Paar, dem Kinder nicht vergönnt waren, ein Haus in Hollingstedt. Dort lebt Hertha Sieburg bis heute. Vor 13 Jahren verstarb ihr Mann. Seit sie in dem Dorf wohnt, hat sie sich in die Gemeinschaft eingebracht. So hat sie einen großen Freundeskreis. Zudem stehen ihr Neffen und Nichten zur Seite, wodurch Hertha Sieburg auch ohne Kinder eine große Familie hat.

Zu ihrem 100. Geburtstag ist Hertha Sieburg noch ausgesprochen fit. Sie hat sich vor einigen Jahren die Füße gebrochen, die ihr bis heute Probleme bereiten. „Lieber die Füße kaputt als der Kopf“, sagt sie. Und ihren Kopf hält sie in Schwung. Sie liest noch viele Bücher und hält sich mit der Zeitung jeden Tag über die Tagespolitik auf dem Laufenden. Dass die AfD heute so einen Zulauf hat, beunruhigt Hertha Sieburg. Sie warnt vor den Rechtspopulisten. „Ich habe zu allen gesagt: Seid bloß vorsichtig. Das hat mit der NSDAP genauso angefangen.“ Und damit eine Zeit, die das größte Verbrechen der Geschichte hervorgerufen hat.