Heide

Weltkriegsbombe in Lieth: Ein Dorf im Ausnahmezustand

Wenn am Mittwoch das Signal vom Raffinerie-Gelände ertönt, dann wird es ernst: Voraussichtlich am frühen Nachmittag soll damit begonnen werden, eine in Lieth entdeckte Fliegerbombe zu entschärfen.

Wenn heute das Signal vom Raffinerie-Gelände ertönt, dann wird es ernst: Voraussichtlich am frühen Nachmittag soll damit begonnen werden, eine in Lieth entdeckte Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen.

Das Geschoss befindet sich unter einem unbefestigten Weg, der direkt an einem Drahtzaun neben der Raffinerie verläuft und von vielen Bürgern als beliebte Spazierstrecke genutzt wird. Niemand hat geahnt, dass in mehreren Metern Tiefe ein gefährliches Überbleibsel der Luftangriffe auf die Erdölwerke schlummerte.

„Einen solchen Fund hat es hier noch nie gegeben“, sagt Reimer Witt. Der Liether Bürgermeister muss es wissen: Er ist in der Gemeinde aufgewachsen und hat sogar seine Amtsvorgänger befragt. In dem 400-Einwohner-Dorf ist bislang noch keine Weltkriegsbombe entdeckt worden. 

Dabei ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich weitere Blindgänger im Boden befinden. Immerhin war die Raffinerie ein strategisch interessantes Ziel, das die alliierten Bomberflotten 1944 und 1945 mehrfach ansteuerten. Bei dem jetzt entdeckten Exemplar handelt es „um eine amerikanische Fliegerbombe“, sagt Sprengmeister Hans-Jörg Kinsky. Der Fachmann vom Kampfmittelräumdienst aus Felde bei Kiel wird heute in die Grube klettern, um den Sprengkörper zu entschärfen. Dazu sind Erfahrung, Können und Fingerspitzengefühl erforderlich.

Nachdem die Bombe gereinigt wurde, entfernt Kinsky zwei Zünder, trennt die Verbindung zum Detonator und entnimmt eine sogenannte Übertragungsladung. Wenn diese Schritte erfolgt sind, ist die Gefahr gebannt. Der Transport der Weltkriegsmunition nach Felde kann erfolgen. Die 250-Kilo-Fliegerbombe enthält nach Angaben des Sprengmeisters etwa 120 Kilogramm Sprengstoff. Im Vergleich zu den anderen im Zweiten Weltkrieg benutzten Fliegerbomben ist es eine „mittelgroße Bombe“, sagt Hans-Jörg Kinsky. Er und seine Kollegen haben in diesem Jahr landesweit bereits 20 Fliegerbomben entschärft. „Das ist außergewöhnlich viel“, so der Experte.

Bevor die Aktion heute Nachmittag beginnt, müssen in einem Umkreis von 500 Metern um die Fundstelle alle etwa 150 Einwohner ihre Häuser verlassen. Dafür haben sie Zeit bis 13 Uhr, doch bereits ab 10 Uhr wird niemand mehr in das Evakuierungsgebiet hineingelassen. Das betroffene Areal umfasst die Dorfstraße Nummer 22-26 sowie 32-49, Zum Westblick Nummer 6, 8,10 und 19, den gesamten Schumacherort und die komplette Straße Övern Klint sowie den Pferdekrugsweg.

DIN-A-4-Zettel mit allen Informationen hat Reimer Witt gestern Morgen mit dem Fahrrad an alle betroffenen Haushalte verteilt. „Die Bürger sind erstaunlich ruhig“, sagt der Bürgermeister. Wer im Evakuierungsgebiet wohnt, der ist für die Zeit der Entschärfung im Seniorenheim Kohlsaat und in der Gaststätte Alte Schule willkommen. Witt, der sein Haus ebenfalls verlassen muss, will die Bürger in beiden Unterkünften besuchen. Von den Betroffenen, die er morgens angetroffen hat, wollten etwa drei Viertel das Angebot in Anspruch nehmen.

Eine betroffene Anwohnerin macht sich keine Sorgen wegen der geplanten Entschärfung. Sie wundert sich jedoch über die Aufnahmestellen, die direkt am Sperrbereich liegen und deswegen kaum weiter entfernt von der Bombe liegen würden als die zu räumenden Gebäude. Walter Rönnspieß muss ebenfalls raus aus dem Gefahrenbereich. Er hat keine Angst, schließlich sei er während des Krieges in Russland gewesen. „Da habe ich ganz anderes erlebt“, sagt der Liether, der seit vier Jahren in dem Dorf wohnt. Auf dem Weg, auf dem die Bombe gefunden wurde, geht er häufig spazieren – er lief dabei bisher, so wie viele andere, über die Gefahr hinweg. Eine andere Einwohnerin macht sich schon mehr Gedanken. Sie hofft, dass alles gut geht. „Aber wenn es knallt, dann richtig. Das ist das Schlimmste.“ Grundsätzlich schätzt sie jedoch, dass die Einwohner in der Nachbarschaft beim normalen Betrieb der Raffinerie mehr Angst vor Unfällen hätten als jetzt bei der Entschärfung. Sie hat jahrelang den Weg genutzt. Während der Evakuierung will sie sich nicht an einem der Sammelpunkte aufhalten, da sie bereits zahlreiche Angebote von Bekannten erhalten habe, für die Sperrzeit unterzukommen.

Die Raffinerie Heide wird durch die Bombenentschärfung in ihrem Betrieb eingeschränkt. Es würden Maßnahmen getroffen, um einen sicheren Betrieb der Produktionsanlagen zu gewährleisten, teilt Sprecherin Sandra Spiering auf Nachfrage mit. „Sämtliche Vorgaben der Einsatzleitung zur Einhaltung der Sicherheitsabstände auf dem Raffineriegelände werden von uns umgesetzt.“ Die Werksleitung und die Werksfeuerwehr seien über die Leitstelle der Einsatzkräfte „eng in alle Maßnahmen eingebunden.“ Detaillierte Auskünfte gibt Spiering mit Blick auf die Anlagensicherheit nicht.

Von dem Bombenfund hatte das Amt Heider Umland am vergangenen Freitag erfahren. Ordnungsamtsleiter Klaus Siehl hat dann unverzüglich damit begonnen, entsprechende Maßnahmen einzuleiten und die Evakuierung vorzubereiten. Per Rundfunkdurchsage und Sirene wird der Beginn der Entschärfung um 14 Uhr angekündigt. Im Gerätehaus der Feuerwehr Hemmingstedt-Lieth wird für die gesamte Aktion eine Leitstelle eingerichtet. „Die Feuerwehr hilft beim Absperren des Gefahrenbereichs“, sagt Stefan Hinrichs von der Pressestelle der Polizei. Sobald der schrille Ton der Sirene erneut aufheult, ist alles vorbei.