Heide

Eine Woche als Tauschreporter

Die eine wollte unbedingt Mehlbeutel kochen, der andere hatte Sorge, dass in Büsum und Umgebung Roland Kaiser gewählt wird und nicht die EU-Kandidaten. Hier der Erfahrungsbericht von Nadine Schwan (Mindener Tageblatt) und Jörg Nolle (Waiblinger Kreiszeitung) nach einer Woche als Tauschreporter in Dithmarschen.

Schocks und Chancen

Von Jörg Nolle 

Der erste Kulturschock ist schnell überwunden. Man kommt mittags an und wird mit einem „Moin“ begrüßt. Erst zuckt es durch den Kopf. Man fragt sich, ob die hier wirklich so verpeilt sind, dass sie um Viere, wie wir Schwaben sagen, einem mit dem Morgengruß kommen. Auf Nachfrage wird dann immerhin erklärt, dass „Moin“ so viel wie „Guten Tag“ heißt, immer passt und man sich damit alles andere spart: Guten Morgen, Guten Mittag, Guten Abend. Man ist da mindestens so sparsam wie die Schwaben. 

Ihr Norddeutsche, die Dithmarscher, ihr seid ein sprödes Volk. Auf verbindlich nette Art spröde. Man muss euch alles aus der Nase ziehen. Vor allem, wenn der Dithmarscher bei der Arbeit ist. Vielleicht will er den Aufwand der Erklärung minimieren, vielleicht will er aber unter den Augen des Chefs nicht Zeit vertun mit einem Fremden, der ja auch ganz gut selbst nach sich schauen kann. Wenn man euch dann aber mal hat, dann taut ihr auf. Etwa in der Kantine. Dann ist bald die nächste Kommunikationsebene erreicht: Man kommt ins Schnacken. 

Der zweite Schock trifft einen, wenn man auf eure Marktplätze schaut. Auf die wertvollste Fläche, die eine Kommune hat. In Heide besonders, aber auch in Meldorf, sind die besten Plätze für die Autos reserviert. Mit dem Auspuff Richtung Kirche. Man rühmt sich in Heide, zusammen mit dem süddeutschen Freudenstadt die größte innerörtliche Versammlungsfläche zu haben, versammelt dort aber Autos. Man registriert das als Schwabe und wird sofort kleinlaut. Stuttgart hatte historisch begonnen mit diesem gigantischen Menschenversuch: Wie schaffe ich die autogerechte Stadt. Stadtsoziologen sagen, die zweite Zerstörung unserer Städte war schlimmer als die durch die Bomben des Weltkriegs. 

Bei uns in den Städten ist der Leidensdruck jetzt aber so groß, dass es wieder an den Rückbau geht: City-Maut, Vergrämung der Autofahrer durch sündhaft teure Parkplatzgebühren. Heide, das ist meine Meinung, sollte viel mehr Acht geben auf sein Kleinod. Heide wird ja auch wachsen. Die Landflucht hat schon eingesetzt, ein neues Wohngebiet ist in der Mache. Wer da noch die Autos über breite Bundesstraßen in den Ort holt, der erstickt bald daran. Und dann geht das Gewürge los: Wie bekommt man den Verkehr wieder los. Dabei kann es so schön sein, hier bei euch. Selbst wenn sich eure Badewanne in Büsum wegen Frostbeulengefahr geschlossen zeigt. Ihr seid es dann, die die Wärme bringen müssen.

Kontaktfreudig und freundlich

Von Nadine Schwan 

Im Norden sind die Menschen stur und dickköpfig? Stimmt nicht so ganz, muss ich jetzt feststellen. Sie sind nur extrem direkt und müssen vielleicht erst etwas warmlaufen. Für mich ist das aber kein Problem, denn wir Ostwestfalen sind genauso. Uns sagt man zum Beispiel nach, wir würden zum Lachen in den Keller gehen. Da muss ich widersprechen: Wir lachen eigentlich ziemlich gerne. Und das nicht nur im Keller.

In meiner Woche hier in Heide habe ich schnell Anschluss gefunden und viele nette Bekanntschaften gemacht. Nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch virtuell. Auf dem Instagram-Kanal der Zeitung habe ich mich gleich am ersten Tag vorgestellt und prompt Rückmeldung bekommen. Die Leute haben mir geschrieben, was ich alles anschauen soll und waren dabei immer freundlich. Ein Koch gab mir den Tipp, für den Mehlbeutel-Bericht im Hotel zur Linde in Meldorf anzurufen, und eine Schulbeiratsvorsitzende schrieb mir sogar eine Mail zum Thema Lehrermangel. Außerdem hat mich Cathrin Piel von der Jugendherberge hier in Heide auf einen Besuch eingeladen. Was will man mehr? 

Mein Eindruck von Heide ist also durchaus positiv: Die Stadt ist schnuckelig und belebt, hier gibt es weniger Leerstände als in Minden, und Essen gehen kann man hier richtig gut. In meiner Heimatstadt gibt es weniger Auswahl, dafür allein in der Innenstadt sieben Dönerbuden und drei Inder. Ganz besonders gefallen hat mir hier noch eine Sache – und zwar die Küstensteine. Einen habe ich gefunden und werde ihn als Erinnerung mit nach Hause nehmen. Und wer weiß? Vielleicht exportiere ich diese Idee und lege bald auch einen bunt bemalten Stein an der Weser aus.