Heide

Eisessen aus Protest

Eine Kundgebung sollte die Zusammenkunft auf dem Marktplatz nicht sein: Über WhatsApp hatten sich Landwirte zum Eisessen verabredet. Mit dabei: einige Schilder und eine zuletzt vieldiskutierte Fahne.

Heide (köh) Plötzlich füllt sich der Marktplatz am Freitagabend. Dutzende Trecker rollen an, gruppieren sich um den Kandelaber. Manche sind mit Schildern beklebt, andere ziert die zuletzt ins Gerede gekommene Fahne der Landvolkbewegung. Eine regelrechte Demonstration ist es trotzdem nicht: Die Landwirte verspürten plötzlich große Lust darauf, gemeinsam Eis essen zu gehen. Natürlich rein zufällig, wie ein Teilnehmer augenzwinkernd versichert. 

Die spektakulären Bauernproteste der vergangenen Monate, die sich an der Agrarpolitik der Bundesregierung und dem Niedrigpreiskurs der Billigmarktketten entzündet hatte, sind nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie etwas in den Hintergrund getreten. Doch die Wut schwelt weiter, wie ein Landwirt versichert. „Wir merken, dass aus Berlin nicht die richtigen Antworten kommen“, sagt der Bauer aus der Marsch, der seinen Namen nicht nennen will. Ihn treibt der Ärger über die Beschränkungen der Ackerbauern um. „Wir sind ja zu allem bereit, wir wollen zum Beispiel weniger Dünger ausbringen. Aber doch bitte mit Augenmaß“, sagt er mit Blick auf den nötigen Proteingehalt des Getreides. „Nur bestens ernährte Pflanzen schaffen es zur Marktreife.“ 

Also ist er der Einladung zum Eisessen, die über WhatsApp verbreitet wurde, gern gefolgt. „Es geht darum, Präsenz zu zeigen, den Leuten in Erinnerung zu rufen, dass wir noch da sind.“ In Heide sind sie kaum zu übersehen. Und nicht nur dort: An vielen Orten Deutschlands haben sich Bauern am Freitagabend getroffen. Im oberpfälzischen Schwarzenfeld etwa hatte der Schweinezüchter Josef Donhauser über WhatsApp ein Protest-Eisessen initiiert.

Auch in Heide essen die Landwirte ihr Eis, einige unter der Fahne der Landvolkbewegung von 1929. Er selbst verwende sie nicht, sagt der Landwirt aus der Marsch, aber er bezweifle, dass seine Kollegen darin etwas anderes sehen als ein Zeichen des Zusammenhalts. „Es ist ein Ausdruck für Landwirte in Existenzangst, die sich gegen niedrige Preise zur Wehr setzen.“ 

Susanne Gutt und Jan Wierk vom Heider Polizeirevier verschaffen sich einen Überblick. Die Stimmung bleibt entkrampft – anders als zuletzt in den Niederlanden und Frankreich, wo es zu Zusammenstößen zwischen Bauern und Polizisten kam. „Wir bleiben friedlich“, sagt der Landwirt. „Wir essen Eis und ziehen dann wieder ab.“ Dagegen ist nichts zu sagen, erklärt Susanne Gutt. „Für einen regelrechten Aufzug, der einer Genehmigung bedurft hätte, fehlt die Kundgebung, auch wenn einige Schilder und Fahnen schon recht eindeutig sind.“