Wesselburen

Glücksmomente mit Cello und Klavier

Glücksmomente bei der Brahmspreis-Verleihung in der St.-Bartholomäus-Kirche in Wesselburen, als Pieter Wispelwey (Cello) und Paolo Giacometti (Klavier) diese zweite Brahms-Sonate spielten.

Von Andreas Guballa

Wesselburen - Dass Johannes Brahms glückliche Sommermonate in der Schweiz verbrachte, als er seine Sonate für Violoncello und Klavier F-Dur op. 99 schrieb, hört man in seiner Musik. Glücksmomente gab es auch bei der Brahmspreis-Verleihung am Freitag in der St. Bartholomäuskirche in Wesselburen, als Pieter Wispelwey (Cello) und Paolo Giacometti (Klavier) diese zweite Brahms-Sonate spielten.

Die frisch gekürten Brahms-Preisträger 2019 führten einen musikalischen Dialog unter ebenbürtigen Partnern und untermauerten ihre langjährige künstlerische Partnerschaft. Denn das Werk ist keine „Sonate für Violoncello und Klavier“, wie im Programmheft ausgewiesen, sondern vom Komponisten als „Sonate für Klavier und Violoncello“ bezeichnet. Das sieht zwar nicht nach einem großen Unterschied aus, ist aber einer. Das Cello begleitet nicht, es ist dem Klavier gleichgestellt. Glücklicherweise spielten Wispelwey und Giacometti das genau so. Da lieferten nicht zwei Solisten ihre Einzelleistungen ab, und es brillierte auch nicht der Cellist auf Kosten seines „Klavierbutlers“. Wispelwey gab einen traumhaft weichen Farbton vor, war in lauten wie in den leisesten Passagen mit seinem Celloklang durchweg präsent und brachte sein Instrument sprichwörtlich zum Singen. Doch das war nie Selbstzweck, sondern korrespondierte mit Giacomettis stupendem Feingefühl am Klavier. „In ihrem Spiel sind sie ganz sie selbst. Ein großes Ereignis und unvergesslich schön“, konstatierte eine Besucherin sichtlich hingerissen.

Kein Wunder also, dass die Brahms-Gesellschaft „die herausragenden Beiträge der beiden Künstler zum heutigen Verständnis des norddeutschen Komponisten Johannes Brahms“ mit dem mit 10.000 Euro dotierten Brahmspreis würdigte. „Beide haben sich seit über einem Viertel Jahrhundert im Duo wie auch solistisch mit der Literatur Johannes Brahms' beschäftigt und bereichern mit neuen Interpretationsansätzen das Brahms-Bild unserer Zeit“, erläuterte der Vorsitzende der Brahms-Gesellschaft Joachim Nerger. Der Niederländer Wispelwey habe mit seiner CD-Einspielung der Sonaten des Komponisten mit Dithmarscher Wurzeln Mitte der 1990er Jahre die bis dahin gängigen Interpretations-Gewohnheiten auf den Kopf gestellt. Der ebenfalls in Holland lebende Italiener Giacometti habe sich 2000 als Gewinner des Hamburger Brahms-Wettbewerbs hervorgetan. Mit ihren weltweit gegebenen Konzerten und zahlreichen CD-Einspielungen erreichten sie die Brahms-Liebhaber auf allen Kontinenten. „Obwohl Johannes Brahms in seinen Kammermusik- und Orchesterwerken das Cello immer mit ausdrucksvollen Kantilenen bedachte, gibt es nur zwei Sonaten mit Klavierbegleitung für dieses Instrument. Seine ungeheure Energie, Kraft und Kreativität macht den Hamburger aber zu einem attraktiven Komponisten für Cellisten“, bedankte sich Wispelwey in einem von NDR Kultur-Moderator Ludwig Hartmann moderierten Künstlerinterview für die Auszeichnung. Giacometti schätzt vor allem Brahms' Hinwendung zum Cantablen: „Die lyrische Qualität, die er als Lied-Komponist entwickelt hat, findet sich auch in seinen Duowerken wieder.“ Das verbinde ihn mit Franz Schubert, dessen „Arpeggione-Sonate“ beide Preisträger zu Beginn des Abends in einem schwelgerischen Vortrag interpretiert hatten. Für Wispelwey/Giacometti war auch das für einen erfolglosen Kreuzungsversuch aus Cello und Gitarre geschriebene Opus eine Herzensangelegenheit. Mit Feingefühl machte das Duo hörbar, dass hier tiefe Melancholie unter der Oberfläche scheinbar schwereloser Melodienseeligkeit schlummert. „Ich habe schon lange kein so schönes Konzert mehr gehört“, war Irmgard Kullmann aus Heide begeistert, die ihre Tochter Christiane Antoniak und Enkelin Friederike Weilbeer aus Hamburg nach Wesselburen eingeladen hatte. „Ich bewundere Wispelweys Mut zum Ausdruck. Es ist großartig, wie er spielt“, so Antoniak, die das Cello-Ensemble der Kreismusikschule Nordfriesland und ein Ensemble für junge Streicher in Elmshorn leitet. „Ein würdiger Höhepunkt der diesjährigen Brahmswochen“ bestätigte auch Staatssekretär Dr. Oliver Grundei, der im Namen der Landesregierung der Brahms-Gesellschaft für die jahrzehntelange Pflege des musikalischen Erbes in Schleswig-Holstein dankte.

Die Brahmswochen enden am 23. Juni mit der Klavier-Sommernacht im Watt'n Hus in Büsum. Karten unter www.brahms-sh.de und im Reisebüro Biehl.