Lehe

„Kann man essen“: Tauschreporterin probiert Mehlbeutel

Ob das schmeckt? Austausch-Reporterin Nadine Schwan aus Minden will die regionale Küche kennenlernen. Zusammen mit Ursula Bruhn aus Lehe hat sie Mehlbeutel mit Kirschsoße gekocht. 

Von Nadine Schwan

Mehlbüdel oder auch Mehlbeutel genannt, ist mir als Ostwestfälin völlig fremd. Hier in Dithmarschen wird er – wie ich schnell lerne – offenbar liebend gern gegessen. Allerdings nicht so häufig, denn die Zubereitung erfordert etwas Geduld. Dazu gibt es Kirschsoße und Schweinebacke. Was für eine schräge Kombination, finde ich.

Aber gut, ich will es probieren. Mein Hunger auf Dithmarschens Nationalgericht führt mich in die nördlichste Gemeinde des Kreises nach Lehe. Dort wohnt Ursula Bruhn (85). Sie lädt mich, die Austausch-Reporterin aus Minden, heute in ihre Küche ein.

Als ich ankomme, stehen die Zutaten bereits auf der Arbeitsfläche. Das Wasser kocht und auf dem Topfboden steht ein Unterteller. „Damit der Mehlbeutel nicht anbrennt“, sagt die Seniorin. Bruhn ist routiniert im Mehlbeutel-Kochen, den letzten hat sie allerdings vor einem halben Jahr zubereitet. Denn als Einpersonenhaushalt ist so ein üppiges Gericht schwer zu verspeisen, es reicht für vier Personen. Und macht ganz schön satt, wie ich später noch feststellen werde.

Touristen lieben den bunten Mehlbeutel

In Dithmarschen isst man den Mehlbüdel übrigens nicht nur zu Hause, sondern auch im Restaurant, wie Rolf Rogalla, Inhaber des Hotels zur Linde in Meldorf, berichtet. Ein bis drei Busse voll mit Touristen rollen in der Woche bei ihm an, um den original Dithmarscher bunten Mehlbeutel zu probieren. „Wenn sie nach Mallorca fahren, wollen sie auch Paella essen und kein Eisbein“, sagt er. Und der Trend gehe gerade stark in Richtung regionale Küche.

Ursula Bruhn mischt inzwischen Milch, Mehl, Eier, Salz und Grieß mit ihrer Küchenmaschine zu einer glatten Masse. Sieht aus wie Pfannkuchenteig. Hier kommt er aber nicht in die Pfanne, sondern in ein Küchentuch. Zusammen binden wir den Mehlbeutel zu und lassen ihn dann ins heiße Wasser gleiten. Anderthalb Stunden muss er kochen – Zeit für einen Schnack, wie man hier im Norden sagt. Bruhn und ich sprechen über das Leben hier im Norden, über Ärztemangel, ihre drei Schwestern, den Krieg und die Flucht aus der DDR.

Ursprünglich kommt die 85-Jährige aus Sachsen-Anhalt. Hier im Norden hat sie 1957 ihren Hans geheiratet, einen alt eingesessenen Dithmarscher. Zusammen mit ihm hat sie einen Hof betrieben mit Kühen, Ackerwirtschaft und Kohlanbau. Ich erzähle ihr von Stippgrütze, die wird bei uns in Ostwestfalen gern gegessen. Das ist eine graue Fleischmasse, die mit Gerstengrütze vermischt und in einen Plastikdarm abgefüllt wird. Dann kommt sie in die Pfanne und wird knusprig angebraten. Dazu gibt es Graubrot und saure Gurken.

Schweinebacke fürs Aroma

Und da macht es plötzlich Klick: Wir haben das Fleisch vergessen. Eigentlich muss Schweinebacke mit ins Wasser, sie soll den Beutel locker machen. Warum? Das weiß die Leherin auch nicht so genau. Leider war die Schweinebacke beim Fleischer ausverkauft und so schnell ist die 85-Jährige nicht mehr in den nächsten Ort gekommen. Statt der Backe hat sie Speck gekauft. Wir beschließen, ihn noch mit ins Wasser zu geben. Für das Aroma und die Konsistenz.

Eine Stunde später fragt mich Ursula Bruhn: „Na, sollen wir es wagen?“ Der Mehlbeutel darf nicht zu früh aus dem Wasser, sonst ist er roh. Wir trauen uns und fischen den inzwischen deutlich dicker gewordenen Kloß aus dem Topf. Ursula Bruhn verbrennt sich die Finger, während ich Fotos mache. Langsam entfernt sie das Küchentuch, und da kommt er zum Vorschein – ein wunderbarer gelber Mehlbüdel.

Wir essen ihn mit Kirschsoße von blau-weißen Friesentellern. Ich nehme den ersten Bissen. Ursula Bruhn schaut mich gespannt an. „Schmeckt“, sage ich und schiebe hinterher: „Kann man essen.“ Da muss die Seniorin grinsen. So unterschiedlich sind die Norddeutschen und Ostwestfalen dann auch wieder nicht.

Rezept für Mehlbeutel

Zutaten

500 ml Milch

5 bis 6 Eier

1 TL Salz

1 Tasse Grieß

350 g Weizenmehl

1 Schweinebacke

1 Glas Sauerkirchen

Stärke

Zucker

Zubereitung

Mehl, Eier, Salz, Grieß und Mehl zu einem glatten Teig verrühren

Teigmasse in ein mit Mehl bestäubtes Tuch geben

Platz lassen, damit sich der Teig ausbreiten kann, fest zubinden und in kochendes Wasser geben, dazu die Schweinebacke geben

1,5 Stunden kochen lassen

In der Zwischenzeit die Kirschen mit Stärke andicken und mit Zucker süßen

Mehlbeutel aus Tuch befreien und mit der Schweinebacke und der Kirschsoße servieren