Marne

Mit dem Rad auf Weltreise

Wer das Foto von Michel Jürgensen und seiner Frau Olga ansieht, vermutet nicht, dass die beiden mit ihren Fahrrädern in Sibirien stehen. Das Ehepaar hat sich für eine Weltreise ohne Motor entschieden. 

Von jener Stelle aus, nahe der russischen Stadt Taksimo, senden sie auch eine ihrer wöchentlichen Video-Botschaften an Familie und Freunde zu Hause und an ihre inzwischen große Fangemeinde in aller Welt, die die Reise der beiden auf ihrer Internetseite, auf Facebook, Youtube, auf Twitter oder Instagram verfolgen. 

Es ist Herbst in Sibirien. Die beiden können noch ohne Schal, Handschuhe und dicke Winterjacken die schnurgeraden, aber unbefestigten, teilweise mit Schlaglöchern gespickten Straßen durch das südöstliche Russland radeln. „Durch wunderschöne Landschaften“, wie sie schwärmen. Auch das ist nicht der erste Gedanke, der einem beim Wort Sibirien in den Sinn kommt. 

Die beiden räumen auf mit Vorstellungen und Meinungen, die sich aus Schlagzeilen und Fernsehbildern verfestigt haben. „Unser Planet und die Menschen sind bei weitem nicht so böse und schlimm, wie es oft dargestellt wird. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen und waren an Orten, wo noch nie eine Fernsehkamera war“, sagen die beiden im Interview, das die Redaktion per Facebook führte.

Gut drei Jahre ist es inzwischen her, dass der Maschineningenieur und die Verpackungsdesignerin ihre materiellen Besitztümer in Deutschland verkauft, ihre Arbeit gekündigt, die Satteltaschen gepackt und sich auf ihre Fahrräder geschwungen haben. Einmal um die Welt sollte es gehen: rund 65 000 Kilometer durch 62 Länder. 

40 340 Kilometer und 37 Länder liegen bereits hinter ihnen, nachzulesen in ihrem Internet-Blog www.rausgefahren.de sowie ihren gleichnamigen Kanälen in den sozialen Medien. Ging es anfangs vor allem um das persönliche Erleben, pur und ungeschminkt, um Abenteuer, darum, sich inspirieren zu lassen abseits des straffen Arbeitsalltags, verstehen sie sich mittlerweile auch als Botschafter für Frieden und Völkerverständigung. Sowohl gegenüber den zahlreichen Menschen, denen sie auf ihrer Tour täglich begegnen, als auch gegenüber Freunden, Bekannten, Familie zu Hause und der stets wachsenden Fangemeinde weltweit.

„Mittlerweile verfolgen wirklich sehr viele Menschen unsere Reise. Damit kommt natürlich eine gewisse Verantwortung und wir versuchen unser Bestes, unsere Eindrücke möglichst authentisch darzustellen. Wir haben bisher fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht und möchten diese Positivität gerne an andere Menschen weitergeben.“

Gerade haben sie ein anstrengendes Stück Wegstrecke durch die sibirische Wildnis geschafft. In Russland können sie sich ohne Probleme mit den Einwohnern unterhalten, denn Olga Borovleva, die in Augsburg studiert hat, ist gebürtige Russin. Anderenorts kommen die beiden mit Übersetzungsapps auf ihrem Smartphone gut zurecht.

Menschen und Natur hautnah erleben – vor allem deshalb hat sich das Paar entschieden, seine Weltreise mit dem Fahrrad zu unternehmen. Außerdem, weil es ein umweltfreundliches Verkehrsmittel ist. Sie übernachten meistens im Zelt, das ist ebenso unmittelbar an der Natur und hält die Kosten niedrig. Manchmal können sie privat unterkommen, nur hin und wieder gönnen sie sich eine Nacht im Hostel. Fast immer kochen sie selbst. „Heute gibt es Kartoffeln mit Senf“, sagt Olga Borovleva in ihrem jüngsten Video. So kommen sie bislang mit durchschnittlich 25,30 Euro Gesamtkosten pro Tag über die Runden. Darin enthalten sind die laufenden Kosten für Internet, Krankenkasse, Ausrüstung sowie ab und an mal eine Zugfahrt. Alles ist akribisch durchgerechnet und dokumentiert.

Aber wird man nach drei Jahren, drei Monaten und 17 Tagen nicht doch etwas reisemüde? „Nein, bisher noch nicht“, sagen sie im Interview mit unserer Zeitung. „Wir sehen jeden Tag so viele neue Dinge, lernen dabei immer wieder Neues und erweitern unseren Horizont. Uns bringt das eine Menge Spaß und nach über drei Jahren ist das unser ganz normaler Alltag. Andere gehen jeden Tag ins Büro, wir setzen uns jeden Tag auf unsere Räder und erkunden unseren Planeten.“

Ein paar Tage Pause zum Erholen und Aufarbeiten der Reise-Dokumentation wollen sie sich aber nach der anstrengenden Etappe gönnen. „Wir werden von Nowaja Chara, wo wir jetzt sind, mit dem Zug ins wärmere Komsomolsk am Amur fahren und dort für ein paar Tage rasten. Der Winter kommt jetzt langsam, und aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse konnten wir es per Rad nicht schaffen, dem sibirischem Winter zu entfliehen.“