Albersdorf

Mit dem Ufo auf Steinzeitreise

Einmal zurück in die Steinzeit inklusive Übernachtung – im Archäologisch-Ökologischen Zentrum Albersdorf (Aöza) sind derartige Zeitreisen keine Zukunftsmusik mehr. Seit Mitte Mai steht dort, am Rande des Labyrinths unweit des Barfußpfades, ein futuristisch anmutender Schlafwürfel. Deplatziert oder genial? Da scheiden sich die Geister. Unser Redakteur Michael Behrendt hat den Test gemacht.

Der erste Eindruck: Ist da ein Ufo gelandet? Es ist der Freitag vor dem langen Pfingstwochenende, kurz nach 19 Uhr. Bereits am Nachmittag hab ich mir den Zugangscode für die ungewöhnliche Schlafstätte auf Zeit besorgt. Denn abends nach 17 Uhr bewegt sich in der Regel nur noch einer auf der rund 40 Hektar großen Fläche des Aöza: Steinzeitjäger Werner Pfeifer. Ihm werden wir später noch begegnen. Jetzt aber erstmal: Quartier beziehen.

In der zwölf Kubikmeter großen Behausung kann man es sich durchaus gemütlich machen. Foto: BehrendtDie Assoziation mit einem Ufo kommt nicht von ungefähr. Denn der an allen Seiten abgerundete, gut zwei mal zweieinhalb Meter große Kunststoff-Kubus wirkt mit seiner grau-silbern schimmernden Außenhaut hier, in nahezu ursprünglich anmutender Landschaft, wie ein Ding vom anderen Stern. Entwickelt hat ihn ein junges Hamburger Start-up, als „ganzheitliches Konzept für nachhaltige Pop-up-Erlebnisnächte an besonderen Orten in Natur und/oder Kultur“, wie es in der Beschreibung des Sleeperoo Cube genannten Schlafwürfels heißt. Ah ja.

Tatsächlich stehen an aktuell 59 Standorten quer über die Republik verteilt weitere solcher Würfel: in einem Alpaka-Gehege im Brandenburgischen zum Beispiel, an Deck eines Rostocker Museumsschiffes oder auch in der Boxengasse einer Kartbahn bei Cottbus. Mir selbst ist der Sleeperoo erstmals in Großenbrode ins Auge gefallen. Dort thront der Würfel am Ende der Seebrücke, Panoramablick über die Ostsee inklusive. Viel außergewöhnlicher kann man eine Nacht kaum schlafend verbringen.

Der Steinzeitpark ist der erste Sleeperoo-Spot an der Westküste. Nun also: die Premierennacht. Vor uns – mich begleiten Frau und Kind – hat dem Vernehmen nach noch niemand den Würfel gemietet. Aber das Ding steht hier ja auch noch nicht lange und der Sommer erst bevor.

Redakteur Michael Behrendt nimmt den Würfel unter die Lupe.Foto: FreginDas Schloss mit der Zahlenkombination, die mir vom Aöza-Personal zusammen mit einem „Chill-Box“ genannten kleinen Proviantpaket überreicht wurde, ist fix geöffnet. Hinter der Persenning offenbart sich der Blick ins Innere. Geräumig ist es hier: Zwölf Kubikmeter und vier große Fenster – drei an den Seiten, eines im Dach – lassen keine Platzangst aufkommen. Das Bett ist bereits bezogen, Decken und Kissen machen einen guten Eindruck. Die Lütte ist die Erste, die den Matratzentest macht. Ihr und unser Urteil fällt identisch aus. „Gemütlich.“

Frau hat derweil natürlich was zu meckern. Denn von „Premierengästen“ könne wohl keine Rede sein: Eine kleine Kolonie Ameisen hat es sich unter der Bettdecke und in der Klappe am Kopfende gemütlich gemacht. Irgendwie nicht sooo ungewöhnlich, starte ich einen Besänftigungsversuch, schließlich steht der Würfel mitten in der Natur. Und dass das krabbelnde Getier immer Wege findet, dürfen wir auch zu Hause öfter mal feststellen.

Es ist Steinzeitjäger Pfeifer, der später beruhigend auf sie einwirken kann: „Ameisen schlafen nachts.“ Wir werden sehen – und geben dem Würfel eine Chance.

Nun aber erst mal eine kleine Stärkung. Während die Siebenjährige die nähere Umgebung erkundet, greifen wir zum mitgebrachten Picknickkorb, breiten eine Decke aus und nutzen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, um bei Rotwein und Käse zum ersten Mal an diesem Abend die Umgebung auf uns wirken zu lassen.

Im Steinzeitpark war ich vorher nie. Zigmal schon vorbeigefahren, nie angehalten. Nicht so meine Welt. Jetzt aber „gehört“ er uns – und dem Steinzeitjäger. Und ja: Schön ist es hier. Das Gefühl, dies alles hier exklusiv für sich zu haben, mischt sich mit der Neugier, was wohl hinter der kleinen Kuppe so vor sich geht: im Steinzeitdorf, dort, wo Werner Pfeifer Tage und Nächte verbringt, so wie es die Steinzeitmenschen vor Ur-Zeiten wohl taten.

Pfeifer ist ein freundlicher Mann. Bereitwillig gibt er Frau und Kind Auskunft, erzählt, was er hier so treibt und was, wenn der Sommer vorbei ist und das Steinzeitdorf in den Winterschlaf fällt.

Mit Pfeil und Bogen geht es abseits der gewohnten Öffnungszeiten auf exklusive „Wildschweinjagd“. Foto: BehrendtAls die Lütte Pfeil und Bogen sieht, darf sie natürlich auf das Holzwildschwein zielen – Öffnungszeiten hin oder her. Es sind Momente wie diese, die den Hauch des Exklusiven versprühen, den Sleeperoo vermitteln möchte. Etwas Besonderes für sich zu haben, das Fast- Alleinsein in einer irgendwie anderen Welt.

Nach zwei Dutzend Versuchen ist das Schwein erlegt (natürlich mit Papas Hilfe, sonst würden wir dort heute noch stehen, und wir ziehen weiter auf dem steinzeitlichen Rundkurs. „Warum waren wir nicht schon früher hier?“, knufft mich meine Frau in die Seite. Mir fällt keine schlaue Antwort ein.

Inzwischen muss die Sonne dort irgendwo hinter den Bäumen längst den Horizont berühren. Zeit für einen vorerst letzten Toilettengang für heute. Schließlich wollen die beiden auf keinen Fall nachts raus zu den Sanitäranlagen, die sich außerhalb des eigentlichen Geländes im Servicegebäude befinden.

Dann ist auch schon Zeit, den Würfel zu beziehen. Die Lütte wird heute zwischen uns liegen, so viel steht schon mal fest. Groß Rambazamba ist also nicht mehr drin. Viel mehr wollen wir die Umgebung auf uns wirken lassen, wie wir da so liegen in diesem kleinen Raumschiff mit Beinaherundumblick.

Der Steinzeitjäger sollte übrigens Recht behalten. Die Ameisen haben wir erfolgreich verscheucht; sie schlafen wahrscheinlich schon, glücklicherweise woanders.

In der zwölf Kubikmeter großen Behausung kann man es sich durchaus gemütlich machen. Foto: BehrendtDie frische Luft, die vielen neuen Eindrücke, die außergewöhnliche Umgebung – all das macht müde. Es dauert nicht lange, da ist das Kind weggenickt, und auch mir fallen die Augen schneller zu, als mir lieb ist. Wer nicht schlafen kann, ist meine Frau. Ich hatte sie vor unserem Trip in die Steinzeit nicht eingeweiht – und darauf vertraut, was die Sleeperoo-Leute mir zusammen mit dem Ticket auf den Weg gaben: Mitzubringen sind Perso, Handtücher und gute Laune. „Ein Schlafsack wäre jetzt nicht verkehrt“, gibt sie mir schon früh am Abend zu verstehen. Doch auf die eigene Körperwärme und die wahrlich dicken, kuscheligen Kissen und Decken vertrauend tu ich das ab.

Erst als ich gegen 1 Uhr aufwache, merke ich, dass sieben Grad Celsius Außentemperatur dann doch recht frisch sein können, auch in einem mehrfach preisgekrönten Schlafwürfel. Ihr „Ich möchte los“ erfährt denn auch wenig Gegenwehr, auch nicht von der Lütten, die allein die Sorge umtreibt, sich am nächsten Morgen nun doch nicht wie geplant Richtung Steinzeitjäger aufmachen zu können. Der hatte ihr eine Runde Einbaumfahren auf dem kleinen Tümpel bei den Hütten angeboten. „Machen wir morgen.“

Daraus wird nichts. Während ich Gepäck und Picknickkorb in den Kofferraum wuchte, machen sich die beiden anderen reisefein, so gut wie es eben geht im Taschenlampenschein, in einem Zwölfkubikmeterwürfel, irgendwo in der Steinzeit.

Eine halbe Stunde später liegen wir im Bett. „Nächstes Mal nehmen wir dicke Socken mit.“ Machen wir.

Neues Angebot wird kontrovers diskutiert

Das Konzept von Sleeperoo überzeugte im Jahr 2018 in der Vox-Sendung Die Höhle der Löwen und brachte dem jungen Hamburger Unternehmen unter anderem eine Nominierung für den Deutschen Tourismuspreis ein. Gewürdigt wurde die Idee, einen „kleinen Ausstieg aus dem Alltag zwischendurch“ zu bieten und die Nutzer zu animieren, in der Nähe zu bleiben statt auf emissionslastige Reisen zu gehen. Davon sollen auch regionale Gastronomie und Handel profitieren.

Nachdem der Steinzeitpark die neue Attraktion vorstellte, folgten kontroverse Diskussionen, unter anderem bei Facebook. Dort gehen die Meinungen auseinander – von „passt überhaupt nicht“ und „absoluter Fehlgriff“ bis hin zu „cool (...) wir ziehen ja auch nicht alle unsere Sneaker aus und schmeißen uns in einen Lendenschurz, wenn wir den Steinzeitpark betreten“ und „hört sich nach Abenteuer an“.

Dr. Rüdiger Kelm, Leiter des Aöza, kann mit den Diskussionen leben, schließlich seien diese bereits ein Mehrwert – im Sinne von „im Gespräch bleiben“. „Wir hoffen, dass wir damit neue Zielgruppen, vor allem junge Erwachsene, für unseren Park ansprechen können.“ Der innovative Schlafwürfel ermögliche den Gästen „eine schöne weitere Nutzung unseres Steinzeitparks und neue Naturerfahrungen“.

Das Aöza stellt Sleeperoo die Fläche zur Verfügung, übernimmt Reinigung und Pflege des Würfels und erhält im Gegenzug einen Teil der Buchungsgebühr. Buchungen werden derweil über sleeperoo.de abgewickelt. Ganz billig ist der Spaß nicht: Zwischen 120 und 200 Euro, je nach Tag und Saison, wird pro Nacht fällig – Außergewöhnliches hat seinen Preis.