— Friedrichskoog —

Schwerer Abschied von Trischen

von Beate Meißner Montag, 15. Oktober 2018 19:45 Uhr


Friedrichskoog -

Jonas Kotlarz fühlt sich total entschleunigt, wie er sagt. Der 25-Jährige ist gestern am frühen Abend von Inselversorger Axel Rohwedder mit der „Luise“ wieder aufs Festland gebracht worden. Seit März hat er als Naturschutzwart des Nabu alleine auf Trischen gelebt.

„Ich war nur an Tag und Nacht, an Ebbe und Flut gebunden“, erzählt er, „hatte zwar Aufgaben, aber keine Ablenkung.“ Das hat ihm sichtlich gut getan, auch wenn studierte Landschaftsökologe das Gefühl nicht genau in Worte fassen kann. „Man ist von Wildnis umgeben, erlebt den Werdegang der Insel im Laufe des Jahres, sieht die Farben, die Vogelwelt“, gerät er fast ein bisschen ins Schwärmen. „Das macht etwas mit einem“, gibt er zu, glaubt aber, dass Menschen, die ihn gut kennen, das besser beschreiben können als er selbst.

Während die Überfahrt im März wegen des Wetters nicht planmäßig verlief, sondern um anderthalb Wochen verschoben werden musste, hat bei der Rückfahrt alles bestens geklappt. Rohwedder hat seine „Luise“ allerdings nicht, wie bisher, vor dem Friedrichskooger Hafen festgemacht, sondern in Meldorf. Dort bleibt sie über Winter, kommt am Sonnabend bereits aus dem Wasser. 

„Ich hatte bestes Abschiedswetter“, sagt Jonas Kotlarz, „die Salzwiesen erstrahlten in Herbstfarben.“ Trotz der Entschleunigung sei er aber doch ein bisschen unter Zeitdruck geraten – etwas, was er lange nicht mehr gekannt hat. Aber er musste die Hütte winterfest machen und seine Sachen packen, damit das Schiff pünktlich ablegen konnte. „Der Abschied fiel mir extrem schwer“, gibt der 25-Jährige aus Nordrhein-Westfalen zu. Nicht nur wegen der Farben, sondern auch, weil der Herbstvogelzug in vollem Gange sei. „Da ziehen riesige Wolken von Ringeltauben und Staren über Trischen hinweg“, sagt Kotlarz. 

Er hat während der knapp sieben Monate auf der Vogelinsel viel erlebt, hat Brut-, Rast- und Zugvögel erfasst, die Vegetation untersucht, Wattgebiete kartiert und die Veränderungen auf Trischen dokumentiert. Das alles hat er fleißig geteilt, sein Online-Tagebuch auf www.blogs.nabu.de/trischen eifrig gefüttert. Auch mit dem, was er am Strand gefunden hat – angefangen von einer Dose Piccolosekt über Reichspfennig-Münzen der Weimarer Republik bis hin zu Schuhen, Bernstein und immer wieder Müll. Aber er hat auch die weniger schönen Seiten des Insellebens gesehen: die Dürre von Mai bis August, wo es fast ein bisschen wie in der Wüste ausgesehen habe, Hochwasser Anfang Mai und Mitte Juni, das die Brut der Seeschwalben und Lachmöwen wegschwemmte.

Mit der Einsamkeit ist Jonas Kotlarz überraschend gut klargekommen: „Ich hatte mir den Bruch intensiver vorgestellt.“ Er hat zwar festgestellt, dass er mit sich selbst gesprochen hat – auf Englisch, in verschiedenen Akzenten –, aber auch, dass es gut machbar sei, alleine zu leben, und das ohne die gewohnten Annehmlichkeiten der Zivilisation. „Man kommt mit weniger aus“, sagt er, „und ist deshalb keineswegs weniger glücklich.“ Im Gegenteil: „Man fühlt sich der Wildnis zugehörig und bekommt ein Gefühl für Naturschönheit.“ Trischen sei in dieser Hinsicht das Nonplusultra gewesen.

Inzwischen weiß der 25-Jährige auch, wie es für ihn weiter geht. Er will wieder studieren, nach dem Bachelor, der er bereits hat, den Master Landschaftsökologie und Naturschutz machen. „Die Uni in Greifwald hat heute schon angefangen“, grinst er, steigt ins Auto und ist kurz darauf auf dem Weg dorthin. 





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