St. Michaelisdonn

Sorge vor dem Wolf: Schäfer bringen ihre Tiere auf die Geest

Schäfer Marten Hinrichs will in der nächsten Woche seine Tiere auf die Weiden in der Geest bringen. Sein Kollege Torsten Bährs hat bereits die ersten Schafe dort. Auch Marcel Bothmanns Tiere sind draußen. Die Tierhalter eint die Sorge vor dem Wolf.

Um das Raubtier ist es ruhig geworden. „Keine Hinweise, keine Rissmeldungen“, sagt Jens Matzen, Koordinator der Wolfsbetreuer. Auch sei GW900m weiterhin verschollen. Er sei weder in Dithmarschen noch sonstwo in Schleswig-Holstein wieder aufgetaucht. Zuletzt wurde das Tier vor Monaten in der Nähe von Kiel registriert. Dieser Wolf war für die vielen Risse in Dithmarschen Anfang des Jahres verantwortlich.

Dennoch stehen die Schäfer unter Anspannung. „Die Angst ist da“, sagt Marten Hinrichs, der wieder 1000 Tiere auf die Geest bringt, knapp 300 auf Weiden nahe St. Michel, wo seine Tiere angegriffen wurden. Wenn eine Wiese vom Regen durchnässt ist, könne er seine Schafe umsetzen, gegen den Wolf jedoch könne er nichts machen, nur hoffen, dass die höheren Zäune das Raubtier abschrecken. „Bisher haben wir immer gezäunt, damit unsere Tiere nicht ausbrechen, nun müssen wir zäunen, damit kein Tier einbricht.“ Es sei eine Reise ins Ungewisse, sagt Hinrichs.

Innerhalb von drei Tagen waren Mitte Januar 220 seiner Schafe zweimal getrieben, gehetzt und angegriffen worden. 13 Tiere hatte Hinrichs verloren – zwei wurden vom Wolf getötet, die anderen so schwer verletzt, dass sie eingeschläfert werden mussten. 25 weitere wurden tierärztlich behandelt. Während der anschließenden Lammzeit habe es bei fast jeder Geburt Probleme gegeben. Die Hälfte seien Totgeburten gewesen, die Lämmer waren im Mutterleib abgestorben.

Torsten Bährs aus Neufelderkoog wollte in diesem Herbst zunächst keine Schafe auf die Geest bringen. „Aus Sicherheitsgründen“, wie er sagt. Sechs Herden mit jeweils 70 bis 80 Tieren hatte er Anfang des Jahres auf den Wiesen rund um Großenrade sowie in Quickborn. Nach den ersten Angriffen in Kuden und Hopen war für ihn klar, dass er seine Schafe zurück in die Marsch holt. Einen Tag nach dieser Entscheidung dann das Drama: Seine Herde in Großenrade wurde angegriffen, ein Tier getötet, zwei mussten eingeschläfert und drei tierärztlich behandelt werden.

Letztlich habe er den Gedanken, seine Tiere in der Marsch zu belassen, verworfen, sagt Bährs. Schließlich weideten seine Schafe seit mehr als 30 Jahren auf den gleichen Flächen. „Ich will es probieren.“ Aber die Sorge vor Angriffen bleibe im Hinterkopf.

Auch bei Marcel Bothmann. Die Wunden des gut 400 Kilo schweren Bullens sind inzwischen verheilt. Das Tier hatte im April einen Angriff überlebt. Bothmann glaubt nach wie vor, dass es ein Wolf war. „Die Bisse am Hinterlauf waren eindeutig.“ Bewiesen werden konnte dies nicht, die Spuren reichten nicht aus.

Rund um seine Wiesen, die nahe Burg, Buchholz und Frestedt, auf denen seine knapp 30 Rinder und 100 Schafe stehen, ist Wald, viel Raum für den Wolf, sich zu verstecken. Bothmann denkt in letzter Zeit oft wieder darüber nach, was wäre, wenn seine Tiere angegriffen werden. Er habe ein mulmiges Gefühl, wolle seine Tiere nicht verletzt sehen. Seine Galloways sind derzeit trächtig, im Februar werden sie kalben. Bothmann hat die Wiese für die Galloways doppelt gesichert, zwei Stromzäune kurz hintereinander aufgestellt. Um seine Schafe einigermaßen zu schützen, hat er vier Litzen gespannt.

Schäfer Marten Hinrichs hatte als einer der ersten im März das Notfallpaket vom Land bekommen und wolfsabweisende Zäune auf den Hoper Flughafen getestet. Er brauche alleine sechsmal länger, um eine Fläche einzuzäunen, oder eben mehrere Helfer dafür, sagt er. 

In der Regel werde eine Partie spätestens nach zehn Tagen auf eine neue Wiese gebracht. Bei seinen 1000 Schafen müsse er täglich umzäunen. Das sei im Alltag nicht leistbar. „Ich schaffe es zeitlich und personell nicht“, so Hinrichs. Doch auf den Flächen, wo seine Tiere länger als zehn Tage stehen, will er wolfsabweisend zäunen. „Der Arbeitsaufwand ist dramatisch gestiegen“, sagt Schäferkollge Bährs. Das sei nicht leistbar, zumal die Sicherheit nur wenig höher sei. 

Die Zukunft sei immer irgendwie planbar gewesen, sagt Hinrichs. Mit der Politik haben sich die Schäfer arrangiert, mit dem Wetter leben gelernt, doch mit dem Wolf ist die Haltung der Tiere unberechenbar geworden. Ihm gehe es nicht ums Geld, auch wenn das Finanzielle wichtig sei, sondern um Gefahren. Als seine Partie getrieben wurde, brach sie aus und flohen über die Gleise der Marschbahn.