Burg

Tote Bäume sollen für Vielfalt sorgen

Im Forst rund um das Waldmuseum sollen 100 Bäume bis zu ihrem Lebensende stehen und liegen bleiben – als Nahrungsquelle für Käfer und andere Insekten, aber auch für Pilze. Ein Spaziergang durch das Revier zum Tag des Waldes.

Die Krone liegt bereits am Boden, nur wenige Meter Stamm sind von dem Baum noch übrig. Ernst-Otto Pieper bricht ein Stück Rinde ab und findet eine Larve. „Das ist Nahrung für den Specht“, sagt er und schaut auf den Stamm: „Dort hat der Specht bereits gearbeitet.“ In der Rinde sind überall helle Flecken und kleine Löcher – ein Habitatbaum, der sich und der Natur überlassen wurde. Er soll den Kreislauf zu Ende gehen.

„Wir wollen Kleinstlebensräume schaffen“, sagt Pieper. Die Bäume sollen bis zu ihrem Lebensende stehen bleiben. Selbst wenn sie umkippen, werden sie nicht weggeräumt, schließlich seien sie auch dann noch von großer Bedeutung. Als Totholz werden sie als Nahrungsquelle von Käfern und Insekten genutzt. Die wiederum würden vom Specht und anderen Vögel sowie Fledermäusen gefressen. „Wir wollen eine möglichst große Artenvielfalt schaffen.“

Pieper steigt eine Leiter empor, die Waldarbeiter Rick Merdohrn an den Baum gestellt hat und festhält. Der Habitatbaum bekommt eine Nummer. Es ist die 15. im Forst, 85 weitere werden noch nummeriert. Zuvor seien die Stämme vermessen und markiert worden, sagt Pieper, als er die Leiter wieder verlassen hat und hält Baumart, Standort, Höhe und Länge sowie, ob es bereits einen Pilzbefall gibt, fest. „Alles wird in einer zentralen Liste dokumentiert.“ 

Viele Bäume in dem Forst seien kaum älter als 70 Jahre, sagt Waldmuseumsleiterin Anke Schroeder. „Nach dem zweiten Weltkrieg musste hier aufgeforstet werden.“ Der Wald wurde in der Not gebraucht, Sitkafichten, Rotfichten, Rotbuche und Linden gefällt und als Brennholz genutzt. Danach sei wenig passiert, nach Jahrzehnten standen die Bäume dicht an dicht, waren schmal in die Höhe gewachsen und am Boden gab es keine Kraut- und Strauchschicht. 

Vor wenigen Jahren begann Pieper mit der Durchforstung. Heute zeugen Baumstümpfe noch von dieser Zeit. Damals habe er die Zukunftsstämme, wie Pieper sie nennt, markiert und die schwachen Bäume nach und nach gefällt, um den Forst zu lichten – jungen Pflanzen und Strächern eine Chance zum Wachsen zu geben. Auch einst in Dithmarschen heimische Gewächse wie die Winterlinde und die Flatterulme, die 2019 Baum des Jahres ist, werden wieder aufgeforstet. „Wir haben einen Dauerwald, in dem es Bäume aller Altersstufen gibt, geschaffen.“

Auch die Ausbreitung von Schädlingen sei so verhindert worden, sagt Pieper. „Der Borkenkäfer ist inzwischen kein Problem mehr.“ Zudem setzt Pieper auf die natürlichen Feinde des Buchdruckers, um ihn im Zaum zu halten. Überall im Wald wurden Kästen angebracht, in denen Hornissen, Fledermäuse und Vögel ihre Bauten errichtet haben. „Es gibt keinen Kasten, der leer ist.“ Auch für sie seien die Habitatbäume Nahrungsgrundlage. 

Der nächste Biotopbaum dürfe nicht zu weit entfernt sein. Schließlich sollen die einzelnen Lebensräume miteinander vernetzt werden. Pieper hofft, dass bis zu 50 neue Käferarten im Wald heimisch werden. Es sind die Nützlinge, die den Forst gesund halten. Das Ziel sei es, den Spagat zwischen wirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz zu schaffen. „Die Schwierigkeit ist: Man muss immer mehr als 50 Jahren nach vorne gucken“, sagt Pieper.