Brunsbüttel

Treffpunkt Kanal-Geschichte

Stehen heute im Sommer die Wohnmobile dicht an dicht auf den Stellplätzen, sozusagen auf den Logenplätzen mit Blick auf die weite Welt, so sah diese Welt vor 125 Jahren noch ganz anders aus. Eine Fahrt entlang der knapp 100 Kanal-Kilometer, entlang der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt, ist immer wieder auch eine Begegnung mit Geschichte und Wandel.

Zwar drängten damals vor allem Hamburger Reeder energisch auf eine maritime Ost-West-Verbindung, die den gefährlichen Weg um Skagen herum ersparen sollte, aber letztendlich wurde der Kanal doch für die in Konkurrenz zu England wachsende Kriegsflotte gebaut. Allein die erhaltenen Kaiseradler der beiden Brücken von Grünental und von Levensau demonstrieren Machtanspruch und Selbstbewusstsein. Zwei der mehr als vier Meter hohen Wappen aus Grünental wurden später nach Brunsbüttel verfrachtet, eines ziert bis heute die Aussichtsplattform auf dem Turmfundament der alten Brücke, und der vierte Adler prangt als Denkmal mitten in Hanerau-Hademarschen. Der Weg zur Schleusenplattform in Kiel-Wik („Wiker Balkon“) führt ebenfalls an einem der Riesen-Adler vorbei.

Bis zu 9000 Arbeiter schufteten zeitweilig für den Graben quer durchs Land. Fotosammlungen der Museen von Brunsbüttel bis Kiel dokumentieren die Zeit des Kanalbaus. Auf ihrer gemeinsamen Web-Seite 125-Jahre-NOK.de bieten die Museen wechselnde Einblicke in ihre Sammlungen: Beeindrucken kann zum Beispiel das Brunsbütteler „Atrium“ mit Teilen von Kaisers Prunkgeschirr bei der Einweihungsfeier von 1895. Dieses Kanal-Museum direkt an der Brunsbütteler Schleuse, vom Gustav-Meyer-Platz zu erreichen, dokumentiert sowohl die Baugeschichte als auch die bedeutende Entwicklung des Kanals.

Erzählt wird im „Atrium“ auch die Geschichte vom Schleusenbau in Brunsbüttel: Beim ersten feierlichen Anstich brach der nagelneue Spaten ab. Zwar gab es einen Ersatz, doch wurde die Sache als schlechtes Omen gewertet. Und tatsächlich kam es dann zu zahlreichen Unfällen von Menschen und Ausfällen von Arbeitsgeräten im Laufe der Bauphase.

Der Kanal, dessen Bau nur sieben Jahre dauerte, wurde am 20. und 21. Juli 1895 von Kaiser Wilhelm II. feierlich eröffnet und nach seinem Großvater auf den Namen Kaiser-Wilhelm-Kanal getauft. International firmiert er jedoch unter Kiel-Canal.

Heute ist der Nord-Ostsee-Kanal ein Wahrzeichen des Landes und ein selbstverständlicher Teil der schleswig-holsteinischen Landschaft. Sein Bau jedoch hatte für viele Dörfer und Städte geradezu brutale Einschnitte zur Folge. Er veränderte das Leben der Menschen grundlegend und nachhaltig. Flüsse verschwanden im Kanalbett, die Marschbauern im Westen konnten nicht mehr ohne weiteres bis Hamburg schippern, um Obst und Gemüse zu verkaufen. Dörfer wurden geteilt, bekanntestes Beispiel dafür ist Sehestedt: Die mittelalterliche Kirche liegt unmittelbar am Nordufer, der größere Teil des Dorfes erstreckt sich über die Südseite des Kanals. Und weil auch traditionelle Verkehrsverbindungen durchtrennt wurden, entstanden zwischen Brunsbüttel und Holtenau 14 Fährverbindungen, anfangs noch mit Muskelkraft betrieben.

So wie mit dem Kanal-Bau Brunsbüttel um neue Stadtteile mit beachtenswerter Architektur wuchs, wandelte sich das damals noch selbstständige Holtenau am anderen Ende der Wasserstraße zur Kanal- und Beamtenstadt. Zur Einweihung der neuen Wasserstraße schenkte der japanische Kaiser der Gemeinde eine Platanenallee, von der bis heute 70 Bäume erhalten sind. Den schönsten Rundblick auf Schleusen und Kieler Förde hat man vom Leuchtturm aus. 1894/95 wurde das 22 Meter hohe Backsteinbauwerk als Wegweiser für die Schifffahrt und zugleich als Denkmal errichtet. Die „Drei-Kaiser-Gedächtnishalle“ zeigt die Reliefs von Wilhelm I., dem nach nur 99 Tagen auf dem Thron verstorbenen Friedrich III. und Wilhelm II. Das Werk zeigt als Allegorie die Vereinigung von Nord- und Ostsee, also den ureigenen Auftrag des Nord-Ostsee-Kanals.

 Soeben im Boyens Buchverlag erschienen: Barbara Post/Stefan Lipsky, Am Nord-Ostsee-Kanal. Touren-Begleiter zwischen Brunsbüttel und Kiel, 160 Seiten, Reiseführer-Format, 12 Euro, Erhältlich im Buchhandel