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Wissenschaftler prognostizieren Dithmarschen eine große Altersarmut

von Gesine Groll Donnerstag, 6. Dezember 2018 19:34 Uhr


Heide -

Alarmierende Zahlen veröffentlicht die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG): Rund 19.000 Arbeitnehmer im Kreis Dithmarschen würden nur eine Rente unterhalb der staatlichen Grundsicherung bekommen, wenn sie nach 45 Berufsjahren in den Ruhestand gehen. Dithmarschen drohe Altersarmut in weit größerem Ausmaß als bislang angenommen.

Dies geht aus einer Rentenanalyse des Pestel-Instituts hervor. Die Wissenschaftler aus Hannover haben dabei für die NGG amtliche Statistiken ausgewertet. Das erschreckende Szenario drohe, wenn die durchschnittliche Rente bis zum Jahr 2030 auf 43 Prozent des Einkommens abfallen sollte. Dann wüchse die Zahl der Menschen, die nach 45 Beitragsjahren bei einer Rente unterhalb der Grundsicherung landen, auf mehr als 26.000.

Rente reicht bei immer mehr Menschen nicht aus

Solch exorbitante Zahlen findet man in der landesweiten Statistik zu den Empfängern von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung zwar nicht. Doch auch sie belegt, dass die Rente bei immer mehr Menschen nicht ausreicht. Im Jahr 2006 bekamen 951 Dithmarscher die Grundsicherung. Davon waren 544 älter als 65 Jahre, bezogen also eine normale Altersrente. Bleiben mehr 140 mehr als Jüngere, die wegen Vollerwerbsminderung auf Grundsicherung angewiesen waren. Sie werden als Aufstocker bezeichnet. Bereits zwei Jahre später ist die Zahl vierstellig, steigt seitdem und liegt inzwischen bei 1712. Davon ist knapp die Hälfte 65 Jahre und älter. Die aktuellsten Zahlen des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig-Holstein stammen aus dem Jahr 2016.

Doreen Brasch von der Sozialberatung des Diakonischen Werkes Dithmarschen bestätigt den statistisch ausgewiesenen Trend: Sie unterstützte sechs Jahre lang Menschen, die aufgrund ihrer Einkommenssituation in eine finanzielle Schieflage geraten und nach Lösungen suchen. „In dieser Zeit hat sich der Beratungsbedarf deutlich verschoben. Früher waren es 70 Prozent Familien und Alleinerziehende, die Hilfe brauchten, nur 30 Prozent ältere Menschen. Heute sind es 50 Prozent Rentner“, sagt sie. Außerdem könne man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. „Denn viele ältere Menschen schämen sich und verzichten lieber darauf, eine ihnen zustehende finanzielle Hilfe einzufordern.“

Kinderzeiten oft viel zu gering berücksichtigt

Oft habe Brasch erlebt, dass Hilfesuchende, die zu ihr kamen, von der geringen Rente überrascht wurden. Nicht selten fiele die geringer aus als Hartz IV. Merkbar gewachsen sei die Zahl derjenigen, deren Rente nur knapp über der in Dithmarschen gezahlten liegt: 745 Euro.  Es kämen mehr Frauen als Männer in ihre Beratung. „Immer noch werden die Kinderzeiten viel zu gering berücksichtigt“, kritisiert Doreen Brasch.

Das ist Wasser auf die Mühlen von Silke Kettner. Die Geschäftsführerin der NGG-Region Hamburg-Elmshorn macht jedoch eher Teilzeit- und Minijobs verantwortlich für später „extrem magere Rentenbescheide“. Frauen seien davon besonders häufig betroffen. Selbst unter Vollzeitbeschäftigten habe nach Berechnungen des Pestel-Instituts aktuell rund jeder Dritte in Dithmarschen einen Rentenanspruch von weniger als 1000 Euro monatlich – nach 40 Arbeitsjahren.

Kettner spricht von „alarmierenden Zahlen“. Wer ein Leben lang gearbeitet habe, müsse später von seiner Rente leben können. Die Bundesregierung hat eine Sicherung des Rentenniveaus bei 48 Prozent bis lediglich 2025 vereinbart. „Das reicht nicht aus“, so Kettner. Zugleich sieht sie die Arbeitgeber in der Pflicht: „Klar ist, dass aus Mini-Löhnen keine Spitzen-Renten werden.“ Gerade in Branchen wie dem Gastgewerbe oder dem Bäckerhandwerk müssten viele Beschäftigte im Alter aufstocken.

11.500 Sterntaler gesammelt

Altersarmut betrifft Senioren, die ihr Leben mit einer viel zu kleinen Rente finanzieren müssen. Das ist ein Thema bei der Aktion Sterntaler, seit es diese Hilfsaktion gibt. Durch ihre Beratungs- und anderen Hilfsangebote kennen die Mitarbeiter der Dithmarscher Wohlfahrtsverbände zahlreiche Betroffene. Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Deutsches Rotes Kreuz machen zahlreichen Menschen in prekären Lebensverhältnissen jedes Jahr zu Weihnachten eine Freude. Und sie mildern übers Jahr hinweg finanzielle Notlagen ab – dank der Spendengelder, die die Aktion Sterntaler zusammenträgt, und das seit mehr als 30 Jahren unter dem Motto „Dithmarscher helfen Dithmarschern“. Bei der aktuellen Aktion sind inzwischen 11.500 Euro zusammengekommen.

Am Sonnabend, 8. Dezember,  ist am Rande des Heider Wochenmarktes wieder eine besondere Gelegenheit, die Aktion Sterntaler zu unterstützen und sich mit Vertretern der Wohlfahrtverbände auszutauschen. Ab 9 Uhr finden sich vor dem Alten Pastorat kompetente Ansprechpartner, außerdem gibt es Musik sowie Kaffee und Kekse.

Gern sammeln die Wohlfahrtsverbände auch bargeldlos Sterntaler ein. Konto: IBAN DE08 2225 0020 0060 0080 19 bei der Sparkasse Westholstein, Stichwort: Aktion Sterntaler.





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