— Albersdorf —

Warten auf ein Wunder

von Redaktion Sonntag, 23. Dezember 2018 13:25 Uhr


Albersdorf -

Sie warten nicht nur aufs Christkind, Hasan und seine Familie warten auf ein Wunder. Nachdem sie zehn Jahre in Deutschland gelebt haben, davon sieben Jahre in Albersdorf, müssen sie wohl nach Armenien zurückkehren. Ihre drei Kinder, zwölf, neun und acht Jahre alt, sind praktisch in Deutschland aufgewachsen, die beiden Mädchen sogar in Deutschland geboren. Alle Möglichkeiten, in Deutschland bleiben zu dürfen, haben sich zerschlagen.

Die 29 Jahre alte Mutter ist verzweifelt. „Ich will nur Ruhe und Frieden haben und ein neues Leben anfangen.“ Bisweilen treten ihr Tränen in die Augen, während sie ihre Schicksal schildert. „Wir hoffen auf Gott.“ Ihr Mann, 33 Jahre alt, will es nicht verstehen, dass sie nach Armenien zurückgeschickt werden. „Ja, ich schäme mich dafür, dass wir einen Fehler gemacht haben. Aber ich will doch nur eine Arbeit, eine Ausbildung.“

Als sie nach Deutschland kamen, Anfang Januar 2009, hatten er und seine Frau aus Angst vor Verfolgung einen falschen Namen angegeben und ein falsches Herkunftsland, nämlich den Irak. Mit falschen Angaben zur Identität haben Migranten ihr Recht auf Asyl verwirkt. Als der Familienvater reinen Wein einschenkte und seine wahre Identität preisgab, war es bereits zu spät. Im Juni dieses Jahres mussten sie wegen der bevorstehenden Abschiebung Albersdorf verlassen und waren seither in der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt untergebracht. Viele Freunde der Kinder und deren Eltern waren damals entsetzt darüber.

Die Familie war in Albersdorf gut integriert, die Kinder gingen zur Schule oder spielten Fußball im Verein, hatten viele Freunde. Dann gab es für sie nur noch die DAZ-Klasse in Boostedt. Dabei waren sie in Deutschland aufgewachsen. „Meine Tochter ist von anderen Kindern angesprochen worden, wo sie denn herkomme“, sagt die Mutter. „Natürlich hat sie geantwortet, dass sie aus Deutschland komme. Sie kannte es nicht anders“, zuckt sie mit den Schultern. „Was sollte sie im Deutschunterricht?“ ergänzt der Vater. „Sie hätte die anderen Kinder unterrichten können.“

Es war eine schwere, tränenreiche Zeit. „Da bekommt man Depressionen“, sagt die junge Frau. „Manchmal habe ich mich selbst nicht mehr gekannt. Manchmal habe ich gedacht, dass ich keine Kraft mehr habe. Aber dann habe ich weitergemacht.“ Sie habe sich mit ihrem Mann eine Familie aufgebaut, das sei alles, was sie habe. Immerhin sind sie nicht mehr in Boostedt. Weil es in der Unterkunft zu eng geworden war, das Land hatte zugestanden, die Zahl der Flüchtlinge in der Krisen-Gemeinde auf maximal 500 Menschen zu begrenzen, wurden sie nach Albersdorf zurückgeschickt. Da aber in Albersdorf kurzfristig keine Wohnung aufzutreiben war, sind sie in einer anderen Gemeinde des Amtes Mitteldithmarschen untergekommen, die Kinder besuchen die Grundschule in Elpersbüttel beziehungsweise die Gemeinschaftsschule in Meldorf.

Ihnen fehlen noch die Reisepässe der Kinder und das kann etwas dauern. Die jüngste Tochter ist in Heide geboren. In der Geburtsurkunde muss jetzt der Familienname korrigiert werden. Möglicherweise kommt noch ein Verfahren wegen Urkundenfälschung auf die Familie zu. Dass sie nun eine Wohnung auf dem Dorf hat, kann nur ein schwacher Trost sein. Alle Möglichkeiten, eine Ausweisung nach Armenien abzuwenden, sind gescheitert. Branca Trube vom Runden Tisch Albersdorf hatte sich für die Familie stark gemacht. Der Fall wurde selbst in der Härtefallkommission des Landes abschlägig beschieden, obwohl mittlerweile der Hintergrund bei allen Behörden bekannt war. Eine Begründung dafür gibt es nicht. Die Härtefallkommission gibt grundsätzlich keine Begründungen preis.

Die Frau war als 14-Jährige einem anderen Mann versprochen worden, einem Mann aus einer reichen und einflussreichen Familie in Armenien. Sie wollte ihn aber nicht heiraten, deswegen sei sie mit ihrem jetzigen Mann geflohen. Daran hatte sich eine Familienfehde entzündet, der Vater von Hasan sei ums Leben gekommen. Aus Todesangst waren sie zunächst nach Georgien gegangen. Als sie dort entdeckt worden waren, flohen sie weiter nach Russland. Aber auch dort hatte man sie aufgespürt. „Die wollten uns töten“, sagt der Vater. Von Russland aus seien sie nach Deutschland geflogen, ihr Sohn war da gerade ein Jahr und acht Monate alt. Zunächst kamen sie nach Lübeck, dann über Neumünster, wo Marianne geboren wurde, und Heide nach Albersdorf.





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Leserkommentare

Lung-Hua Concord: Es ist der Beweis das hier in unserem Land mir zweifelhaftem Recht gerichtet wird. Gerechtigkeit könnte man hier ohne Zweifel walten lassen. So überlässt man diese Familie ihrem Schicksal. Sollten die Hintergründe den Tatsachen entsprechen oder noch schlimmer einer Todesgefahr dort wäre dies eigentlich gegen die Menschenrechte. Es ist so oder so lachhaft wegen solch einer Kleinigkeit, die verständlich sein sollte, man so etwas tut. Ein Skandal.

02.01.2019 20:38 Uhr