Panorama

Zwei Gewaltverbrechen erschüttern Celle

Celle (dpa) - Zwei fast zeitgleiche Gewaltverbrechen, ein Toter und noch einige offene Fragen: Nach Messerattacken auf zwei Männer in Celle nur wenige Kilometer voneinander entfernt war die Lage am späten Montagabend für einige Stunden unübersichtlich.

Terror schlossen die Ermittler aber schnell aus. Ein 54-Jähriger starb nach dem Angriff in seiner Wohnung, ein 59-Jähriger wurde notoperiert und schwebte am Dienstag nicht mehr in Lebensgefahr. Am späten Nachmittag teilte die Polizei mit, dass es keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Gewalttaten gebe.

Als die Lage noch unklar war, hatten die Beamten über soziale Medien Anwohner aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Hintergrund war, dass der 59-Jährige angegeben hatte, er sei von einem Radfahrer attackiert worden. Dieser sei zunächst geflüchtet. Die Warnung wurde gegen Mitternacht wieder zurückgenommen, weil der 20 Jahre alte mutmaßliche Angreifer gefasst werden konnte. Den entscheidenden Hinweis hatte eine Zeugin gegeben. Sie hatte der Polizei mitgeteilt, dass der 20-Jährige ihr gesagt habe, er habe jemanden mit einem Messer verletzt.

Vom ersten Angriff erfuhr die Polizei am Abend über einen Notruf. Gemeldet wurde ein Überfall in einem Mehrfamilienhaus nördlich des Stadtzentrums. Als mutmaßlichen Täter nahmen die Beamten den 45 Jahre alten Neffen des Opfers noch am Tatort fest. Ihm wird vorgeworfen, im Verlauf eines Streits im alkoholisierten Zustand seinen Onkel einmal in den Oberkörper gestochen zu haben. In der Nacht sicherten Polizisten mit Maschinenpistolen den Zugang zu dem Haus, wo sich viele Familienangehörige des Getöteten eingefunden hatten.

Der 45-jährige Neffe war den Angaben zufolge erst vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte eine Haftstrafe wegen Eigentumsdelikten, Bedrohung und Beleidigung sowie wegen räuberischer Erpressung verbüßt. Zu dem Vorwurf, seinen Onkel getötet zu haben, schweigt er bislang.

Keine Stunde nach dem ersten Notruf erfuhr die Polizei von Mitarbeitern eines Krankenhauses, dass ein 59-Jähriger in einem anderen Stadtteil mit einem Messer lebensgefährlich verletzt worden sei. Dem festgenommenen 20-Jährigen wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Sein Motiv sowie eine mögliche Beeinflussung durch Alkohol oder Drogen seien Gegenstand der weiteren Ermittlungen, hieß es. In beiden Fällen sind die mutmaßlichen Täter und Opfer nach Angaben der Sprecherin Deutsche.

Die 70 000-Einwohner-Stadt am Südrand der Lüneburger Heide war erst vor zwei Wochen wegen eines Raubüberfalls auf einen Juwelier in den überregionalen Schlagzeilen. Der 71 Jahre alte Inhaber des Geschäftes erschoss die beiden Räuber. Gegen den Mann wird wegen Verdachts des Totschlags ermittelt. Er habe eine Aussage über seinen Anwalt angekündigt, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Lüneburg. Geprüft werde eine Notwehr- beziehungsweise Nothilfelage. In einem Interview mit der «Bild»-Zeitung hatte der Juwelier erklärt, er habe mit den Schüssen seine Frau retten müssen. Nach dem Überfall war die Polizei ebenfalls mit einem Großaufgebot im Einsatz.

Anfang April war ein 15 Jahre alter Radfahrer auf der Straße in Celle erstochen worden. Zeugen, die die Attacke beobachtet hatten, hielten damals den Angreifer fest. Der Junge, dessen Familie aus dem Irak stammt, war nach ersten Ermittlungen ein Zufallsopfer. Das Motiv des mutmaßlichen Täters lag zunächst im Dunklen. Die Ermittler fanden laut Staatsanwaltschaft keine Anhaltspunkte für eine politische Motivation oder einen rassistischen Hintergrund des Deutschen. Der inzwischen 30-Jährige muss sich vom 6. Oktober an vor dem Landgericht Lüneburg wegen Totschlags verantworten.

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