Wort zum Sonntag

Frisch gestrichen

Nach langer Zeit bin ich mal wieder im Ort meiner Kindheit. Schulfreunde zeigen mir die schicke neue Schule. Das neue Bistro am Badesee. Der Sportplatz hat eine neue Bahn, der Friedhof eine neue Mauer. Sogar der Döner ist neu. Schließlich stehen wir vor unserer Taufkirche. „Komm, lass uns mal reingehen, du wirst staunen.“ Der neugotische Backsteinbau ist tatsächlich offen. Die alte Klicke wird plötzlich ganz still. Einer schwärmt: „Frisch renoviert! Wie modern alles ist. Wie edel. Und guckt doch nur, die Technik. Erst die Lampen. Das Pult. Die frische Farbe. Der Teppich. Alles vom Feinsten.“ Er sieht mich fragend an: „Warum sagst du nichts?“ Ich überlege: „Kann man hier auch weinen? Meinen Frust zugeben? Meine eigenen Fehler? Unsere Verletzlichkeit? Können wir hier über unsere Enttäuschungen sprechen? Dieses Gebäude ist so gnadenlos geworden.“ Wo ist mein altes Gotteshaus geblieben, frage ich mich beim Rausgehen, in dem ich im Alten das Neue suche und im Neuen das Heilige? Ich brauche keine neue Farbe. Ich brauche was für die Stärke des Herzens. Ob die anderen mich wohl verstanden haben?

von Pastorin Ina Brinkmann, Büsum

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