Wort zum Sonntag

Die neue Kraft

Unbemerkt hatte er auf „ihrer“ Bank Platz genommen. Als gäbe es nur diese eine Bank auf dem Friedhof. Hoffentlich musste sie sich jetzt nicht wieder Gutgemeintes anhören. Zum Glück kam nichts dergleichen von ihm. Energisch pflanzte sie weiter ihre Hornveilchen in die dunkle Erde. Dann setzte sie sich neben ihn. Beide schauten sie auf das Grab, vor dem sie noch vor einigen Monaten das Vaterunser gebetet hatten, dachten an denjenigen, der nun nicht mehr da war: an den Ehemann, den Freund. Sie sahen ihn deutlich vor sich, sahen die unzähligen Lachfältchen, die schwarzen Botten an seinen Füßen und hörten seine sonore Stimme. „Ich hab‘ ihn gestern wiedergefunden!“, sagte sie nach einer Weile. „Fritz hatte ihn verloren. War ich sauer damals.“ Sie zeigte ihrem alten Freund den goldenen Ring. „Der lag in der Werkzeugkiste! „Typisch!“ Das hatten sie fast gleichzeitig gesagt und dann herzlich gelacht. „Den Ermatteten gibt er Kraft, und wo diese Kraft ist, gibt er große Stärke.“ (Jesaja 40)

Sandra Ruge-Tolksdorf, Pastorin in Brunsbüttel