Falsches Spiel mit Drogenängsten
Fakten, um sich selbst und Freunde vor Drogen zu schützen: Diesen Anspruch erhebt der Verein „Sag Nein zu Drogen – sag Ja zum Leben“, der kürzlich Broschüren in Heider Haushalten verteilen ließ. Die Einladung zur Kontaktaufnahme ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Der Verein mit Sitz in München steht in engen Beziehungen zur sogenannten Scientology-Kirche.
Es liest sich seriös, was die Broschüre mit dem Titel „Fakten über den Missbrauch rezeptpflichtiger Medikamente“ zu Beruhigungsmitteln, Opioiden, Stimulanzien und Antidepressiva verbreitet. Auffällig ist der häufige Verweis auf US-amerikanische Studien und die dortige Rechtslage beispielsweise zum K.O.-Tropfen-Wirkstoff Rohypnol. „Das sind schon seriöse Fakten“, sagt Pastor Jörg Pegelow. „Fachlich ist da kaum etwas zu beanstanden.“
Pegelow kennt die Scientology-Bewegung aus seiner Tätigkeit als Leiter der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Nordkirche oder kurz: Sektenbeauftragter. „Diese Kampagne ist recht bekannt“, sagt er. „Sie läuft immer mal wieder im Großraum Hamburg und diesmal ist eben Dithmarschen dran.“ Ein Blick ins Impressum des Vereins zeigt die Verbindung zu der 1953 von Ron Hubbard ins Leben gerufenen Scientology Church: „In Deutschland wurde der Verein Sag Nein zu Drogen – sag Ja zum Leben im Jahre 2003 von Mitgliedern der Scientology-Kirche gegründet.“ Auch die heutigen Vorstandsmitglieder sind aktive Scientologen. Präsident Jürgen Heise bezeichnete eine vom Verfassungsschutz ausgesprochene Warnung vor dem Verein seinerzeit gegenüber dem Berliner Kurier als üble Nachrede. Laut Pegelow eine Schutzbehauptung. „Das ist eine Vorfeldorganisation, eine sogenannte Front Group, die unmittelbar zu Scientology gehört.“ Die Scientology-Kirche wird seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet.
Das hauptsächlich in dunklen Orangetönen gehaltene Heftchen gehört zu einer ganzen Reihe ähnlicher Schriften, die jeweils Fakten beispielsweise über Alkohol, Heroin und andere Rauschmittel verheißen. Das eigentliche Ziel besteht aber nicht darin, tatsächlich Menschen vom Drogenkonsum fernzuhalten oder zu befreien, warnt Pegelow. „Die Absicht liegt darin, auf diesem Wege Menschen in Kontakt mit der Scientology zu bringen. Die Präventionsabsicht ist nur oberflächlich.“ Damit ist der Verein zwischenzeitlich durchaus erfolgreich gewesen. Vor einigen Jahren gelang es, 100 000 Exemplare des Heftchens „Fakten über Drogen“ in Berlin zu verteilen. „Die Broschüren werden regelmäßig verteilt und gern an Schulen und öffentliche Einrichtungen verschickt“, sagt Pegelow.
Auf den Broschüren selbst ist kein Hinweis auf Scientology-Verbindungen zu finden, sondern nur zur Foundation for a Drug-Free-World und seinen Ablegern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei der Foundation for a Drug-Free-World handele es sich um eine „nicht konfessionsgebundene gemeinnützige Organisation mit Sitz in Los Angeles“, wie der Verein „Sag Nein zu Drogen“ formuliert. Unweit des Sitzes dieser Organisation befindet sich das Scientology-Hauptquartier. „Scientology ist groß darin, über Bande zu spielen“, sagt Pegelow.
Der Nordkirchen-Sektenbeauftragte rät allen Empfängern der Broschüre: „Beiseitelegen und gut sein lassen. Sonst besteht hohe Wahrscheinlichkeit, mit der Scientology-Ideologie konfrontiert zu werden.“ Grundsätzlich hat Pegelow nicht den Eindruck, dass die Kampagne – anders als vor einigen Jahren in Berlin – auf größere Resonanz stößt. Um die Scientology sei es ruhiger geworden. „Das liegt einerseits daran, dass sie insgesamt versucht, moderater aufzutreten, andererseits aber auch an der schwindenden Zahl der Unterstützer.“ Rund 300 Anhänger habe die Organisation noch im Hamburger Raum, um die 3500 im gesamten deutschsprachigen Raum, schätzt Pegelow. „Sie hat vor allem Verluste, weil Abgänge durch Aussteiger nicht mehr kompensiert werden konnten.“
Auf eine Bitte um Stellungnahme seitens unserer Zeitung reagierte der Verein „Sag Nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ nicht. Der Hamburger Scientology-Vertreter Frank Busch wies die Vorwürfe zurück. Die Initiative sei „eine rein humanitäre Aktion um die Menschen über die Gefahren des Drogenkonsums aufzuklären“. Fast 1,7 Millionen Aufklärungshefte habe der Verein in den vergangenen zehn Jahren in und um Hamburg verteilt. „Dass diese Aktion zur Mitgliedergewinnung genutzt werden soll, ist absurd“, erklärt Busch. „Man würde Brot für die Welt oder der Caritas ja auch nicht unterstellen, dass sie über dieses Engagement Mitglieder werben.“
© Boyens Medien - Texte und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weitere Artikel