Wort zum Sonntag

In der Stille

Wir sind in einer Gärtnerei an einem Friedhof. Prächtige Sträuße stehen um uns herum. Farbenfroh und voller Kraft. Jede einzelne Blume. Duft steigt uns in die Nase. Ich hole tief Luft. Herrlich ist dieser Duft. So voller Leben. Eine alte Frau betritt den Laden. Sie schaut sich um. „Drei Rosen bitte. Von denen da“, sagt sie. Es sind kleine Rosen. Neben den großen Vasen sind sie kaum zu sehen. Mit krummen Fingern greift sie ins schmale Portemonnaie. Die Münzen legt sie einzeln auf den Tisch. Den kleinen Strauß legt sie auf den Rollator. Sie geht zum Friedhof. Wir sehen ihr hinterher. Die Schritte fallen ihr schwer. Müde sieht die Frau aus. Später begegnen wir uns auf dem Friedhof. Da steht sie am Grab. Mit den Rosen in der Hand. Jede einzelne steckt sie in die Vase. Stück für Stück. Sie leuchten und strahlen. Voller Kraft. Genau hier. An diesem Ort. In der Stille. Mit glasigen Augen denke ich: „Der Gott der Liebe steht da. Am Grab. Mit ihr. Und hält ihre Hand“.

Klinikseelsorgerin und Diakonin Annegret Steinmeyer, Westküstenklinikum Heide