Wort zum Sonntag

Überraschende Erkenntnis

Draußen böllert’s. Die Kirche ist offen, lockt Leute an. Das neue Jahr ist ganz jung. Zeit für Gedanken. Ein Paar tritt ein und setzt sich. Anfangs Tuscheln. Dann Schweigen. Die geneigten Köpfe lassen eigenes Zwiegespräch vermuten. Gefühlte Ewigkeit bis zum Ende ihrer stillen Worte. Lichter werden entzündet. Der Weg nach draußen bahnt sich an. Die beiden kommen an meiner Bank vorbei: „Ein frohes Neues Jahr!“ „Ihnen auch.“

Ein Anfang ist gemacht für Sätze zwischen Tiefsinn und Herzerfrischendem. Er ist eher der Typ für Argumente. Sie wagt gern mal was Neues. Beide mögen Menschen. Gott ist Realität für sie in dem ganzen schönen, vermaledeiten Leben. Ich merke schnell, sie wollen sich die Erfüllung nicht für den Himmel aufsparen. „Es wird Zeit“, sagt sie schließlich, „lass uns gehen. Wir kommen morgen wieder.“ Ein Kopfnicken. Lächeln. Warme Hände strecken sich mir entgegen. Respekt im Schwebezustand. Für Momente sehr viel mehr. Und dann: „Wissen Sie, wir beten immer zusammen. Mein Mann ist Muslim, ich Christin. Wir haben es nie geändert.“ Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon, denke ich mir und muss schmunzeln. Tja, so kann’s gehen.

Ina Brinkmann, Pastorin in Büsum