Wort zum Sonntag

Bitte nicht stören!

Neulich ist bei meiner Predigt jemand eingeschlafen. „Unerhört!“ dachte ich zuerst. Dann kam mir mein alter Vater in den Sinn, der wirklich bei jedem Konzert und Theaterbesuch erstmal einschlummert. Und mir fielen die prominenten Schläfer aus der Bibel ein: Adam und seine unstillbare Sehnsucht nach einer Lebenspartnerin. Da lässt Gott ihn in einen tiefen Schlaf fallen, und als er erwacht, steht Eva vor ihm (1. Mose 2). Oder Jakob, der auf der Flucht vor seinem Bruder Esau einschläft und im Traum eine Himmelsleiter sieht, auf der Engel auf- und abgehen (1. Mose 28). Und als Jesus bei der Fahrt über den See Genezareth in einen Sturm gerät und die Wellen schon ins Boot schlagen, schläft er tief und fest auf einem Kissen (Markus 4).

Im Schlaf geschieht mit uns oft sehr viel und Entscheidendes. Schon die Autoren der Bibel wussten, dass der Schlaf und der Traum eben auch das Tor des Menschen zu Gottes Welt sein können. Mein Kirchenschläfer kam übrigens nach dem Gottesdienst putzmunter und gut gelaunt auf mich zu: „Das war ein sehr schöner Gottesdienst, vielen Dank!“ Und ich dachte etwas beschämt: Manchmal gibt es der Herr den seinen tatsächlich im Schlaf.

Michael Warnck, Prädikant in Meldorf