Wort zum Sonntag

Letztens beim Arzt

„Kann ich meiner Tochter in diesen Zeiten wirklich noch raten, Kinder in die Welt zu setzen?“ Meine Sitznachbarin im Wartezimmer schaut mich fragend an. Das Gespräch über die Brände im Amazonasgebiet und den Klimawandel haben wir gerade hinter uns.

Auf dem Nachhauseweg denke ich an die Zeitepoche, in der meine Eltern sich für Kinder, also auch mich, entschieden haben: da lag ein von Menschen verursachter Krieg mit 60 Millionen Toten ‘mal gerade ein Jahrzehnt zurück. Die Großmächte überboten sich gegenseitig darin, immer stärkere Atombomben zu testen.

Ich denke an meine Großeltern. Als sie ihre Kinder, also meine Eltern, bekamen, da lag der Erste Weltkrieg gerade ‘mal ein Jahrzehnt zurück. Arbeitslosigkeit und Inflation herrschten – und das Land, in dem sie lebten, entwickelte sich hin zu einer Diktatur. Und als meine älteste Tochter auf dem Weg in diese Welt war, da lag Europa noch unter dem Schock der radioaktiven Wolke von Tschernobyl.

Wir Menschen denken oft, wir bräuchten ideale Bedingungen, um Hoffnung in die Zukunft zu setzen. Wir brauchen aber eher Ideale. Im Neuen Testament heißt es an einer Stelle: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Timotheus 1,7) Eigentlich ein schöner Taufspruch für ein Enkelkind.

Pastor Rüdiger Burzeya, Tellingstedt