Wort zum Sonntag

Alle Hoffnung wert

Verrückte Zeiten: Draußen belebt sich die Natur, die Vögel singen und die Sonne scheint, als wäre alles wie immer. Aber unser übliches Leben ist heruntergefahren, wir bremsen uns, um eine Bedrohung auszubremsen, die sich gefühlt unendlich langsam auf uns zubewegt. Frühlingsidyll trifft Coronakrise.

Wir sind bestimmt von Bildern aus Bergamo, dem Elsass, New York, sehen da Ohnmacht und Kontrollverlust. Und es gelingt uns überhaupt nicht mehr, Tod und Sterben zu tabuisieren, in Quarantäne zu schicken, so wie es seit Jahren gesellschaftlicher Trend war. Diese Krankheit kommt viel zu nah, als dass sie uns unberührt lassen könnte.

Klopapier wird zum Gegenstand von Witzen, aber unsere Vorräte werden uns nicht das Leben retten. Beatmungsgeräte sind in aller Munde, sie werden zum Symbol der Hoffnung, und über die macht keiner Witze, denn sie retten Leben. Und doch fühlen sich manche berufen, die Bedrohung kleinzureden oder aber lautstark das gesellschaftliche Recht auf Infektion zu fordern. Und ein paar Opfer müssen dann halt gebracht werden, das fordert man zynisch rechnend gleich mit. Klingt nach Infektionspflicht für Alte und Schwache, damit wir schneller durch sind. Menschenrettung müsse verhältnismäßig bleiben. Wohl weil man denkt, der Tod wird nur den anderen treffen, oder die Eltern des anderen. Aber alle atmen wir dieselbe Luft. Und wenn erst ein Mal Leben gegen Nutzen aufgerechnet wird, dann immer wieder. Gott bewahre!

Ostern fällt mitten hinein in diese bedrohlich friedliche Zeit – und war noch nie ein harmloses Fest, sondern immer eine Zumutung. Steckt doch dahinter eine tödliche Katastrophe. Eine Krise, die an und über die Grenzen unserer Möglichkeiten führte. Aber Ostern stellt klar, dass wir von anderen Menschen keine Opfer fordern dürfen, schon gar nicht das Opfer des Lebens, um selbst weiter zu leben oder gar Wohlstand und Komfort zu sichern. Wo das geschieht, enden Gesellschaften in Barbarei. Gott hat solchen Forderungen sein Veto gesetzt. Seit der Kreuzigung Jesu ist Schluss damit. Christen leben von diesem einen Opfer, das Gott korrigiert hat – aber sie fordern keines! Die Auferstehung Jesu macht uns zu einer auf Hoffnung angelegten Gesellschaft. Deswegen ist jeder Mensch schon in diesem Leben alle Fürsorge, Schutz, Beatmung, Liebe, Hilfe und diese Hoffnung wert. Der Osterglaube vertröstet nicht ins Jenseits, sondern verpflichtet im Diesseits. Und irgendwann, ganz am Ende unserer Möglichkeiten, wird uns diese Hoffnung in die andere Welt tragen. Aber seien wir doch mit diesem Leben nicht leichtfertig. Gott ist es auch nicht.

Bleiben Sie behütet, ich wünsche Ihnen „Frohe Ostern“!

Von Dr. Andreas Crystall, Propst in Dithmarschen