Wort zum Sonntag

Ein Tisch im Angesicht der Feinde

Dieses auf den ersten Blick nur schwer verständliche Bild entstammt einem alten biblischen Text: „Du, Gott, bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ (Psalm 23,5).

Man versteht dieses Bild nur, wenn man sich das orientalische Gastrecht in vorchristlicher Zeit vor Augen führt. Sicherheiten gab es kaum. Die umherziehenden Nomadenstämme waren rauen Lebensbedingungen ausgesetzt. Es herrschte weniger die Stärke des Rechts als vielmehr das Recht des Stärkeren. Geriet jemand in Bedrängnis und wurde verfolgt, konnte er von Glück sagen, eine Nomadensiedlung zu erreichen. Denn dem in Not Geratenen wurde Gastrecht am Tisch des Hausherrn gewährt – nicht nur eine Mahlzeit war damit verbunden, sondern vor allem das Recht auf Schutz. Ein Tisch im Angesicht der Feinde.

Corona und Dürreperioden, gesellschaftlicher Friede und Wohlstand: In unserer von Unsicherheiten geprägten Zeit hilft mir der Glaube. Gastrecht bei Gott, dem Schöpfer des Lebens. Ein Tisch im Angesicht heutiger „Feinde“. Hoffnung auf auch zukünftig bewahrtes Leben.

Gerson Seiß, Militärpfarrer in Heide