Wort zum Sonntag

Fremd und vertraut

Es klopft am Fenster. Sie arbeiten doch für die Kirche? schallt es durch die Scheibe. Ich habe eine ganz alte Bibel, erläutert der Mann, mein Freund wollte die wegwerfen. Ich habe sie gerettet. Die möchte ich der Kirche schenken. Es entspinnt sich ein Gespräch. Herr und Frau L. wohnen seit vier Tagen in Büsum, haben ihr Haus anderswo verkauft. Der Lebensabend ist an der Nordsee geplant. Viele Urlaube haben die beiden hier verbracht. Jetzt sind sie ganz hier. Wie aufregend. Fremd und vertraut. Der Pensionär läuft flugs, holt das Stiftungsstück. Die Ehefrau erzählt. Fünf Kinder haben sie großgezogen, tatkräftig Menschen zur Seite gestanden. Sie sorgt sich um die Gesundheit ihres Mannes. Das ist eine echte Umstellung, alles aufzugeben. Das hätte ich nicht gedacht, sagt sie. Auch wenn Straßen und Läden den beiden vertraut sind, fangen Herr und Frau L. neu an. Die Bibel liegt nun auf dem Tisch, soll in St. Clemens verwahrt werden. Was aber vor allem verwahrt wird, sind die zerbrechlichen Gedanken, der Mut und die Unsicherheit. - So kann es gehen, wenn Jesus sagt: Nehmt das Reich Gottes in Besitz. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. Was ihr meinen Geschwistern getan habt, habt ihr mir getan.

Pastorin Ina Brinkmann, Büsum

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