Wort zum Sonntag

Portugal

Kurz nach Mitternacht das verbotene Lied im Radio. Zeichen zum Aufbruch für die Aufständischen: zur Hauptstadt, um Ministerien, Rundfunk- und Fernsehsender zu besetzen. Rote Nelken in die Gewehrläufe, es soll friedlich bleiben. Die Mehrheit der angerückten Regierungstruppen schließt sich an, die Bevölkerung jubelt, Verbannte kehren aus dem Exil zurück, politische Gefangenen kommen frei. Es ist das Ende einer der letzten Diktaturen Europas und der Kolonialkriege in Afrika. Seit 1974 ist der 25. April in Portugal ein Feiertag. Zum zweiten Mal kann er dieses Wochenende nur unter Pandemiebedingungen begangen werden. Aber wenn die Menschen das Revolutionslied am Bildschirm singen, kann man auch auf den Kacheln erkennen: „Em cada esquina um amigo, em cada rosto igualdade“ – an jeder Ecke ein Freund, Gleichheit in allen Gesichtern. Oder mit dem Wochenspruch für den Sonntag Jubilate: „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17b).

Von Luise Jarck-Albers, Pastorin in Heide.

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