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Alexandra unvergessen

Von Andreas Vollstedt 

Tellingstedt - „Alexandra unvergessen“ war auf einer Trauerschleife vor dem Gedenkstein zu lesen, der an den Unfalltod der Sängerin und ihrer Mutter erinnert. An deren 50. Todestag wurde beiden auf vielfältige Weise gedacht.

Der gemeinnützige Verein Alexandra-Freunde organisierte dafür eine Gedenkfeier an der Unfallstelle, zu der stellvertretender Vorsitzender Wolfgang Rostek zahlreiche Besucher von nah und fern begrüßte. Als Vertreter der Gemeinde erinnerte Manfred Dahl an das vielseitige Wirken der Künstlerin und den Unglückstag vor 50 Jahren, „an dem Tellingstedt traurige Berühmtheit erlangte“. Der stellvertretende Bürgermeister steht nach eigenem Bekenntnis musikalisch den Rolling Stones näher, kennt aber auch Lieder von Alexandra. „Ich habe ihre Musik geliebt“, sagte eine ältere Besucherin mit Tränen in den Augen. Und es fanden sich nach fünf Jahrzehnten noch Zeitzeugen ein, die die Unfallhilfe miterlebt hatten; ein Anwohner brachte sogar den dazugehörigen Zeitungsbericht von 1969 mit. Jörg Wieckhorst, seinerzeit als Polizist am Unfallort, erzählte, dass ihm ein Unbekannter „200 Mark für eine Locke von Alexandra“ geben wollte, was Wieckhorst natürlich empört abgelehnt hat.

Hervorragender Zeitzeuge war ein Verwandter der Verstorbenen, der noch lebhafte Erinnerungen an Cousine und Tante hat. Der 81-jährige Horst Lessing aus Neumünster erklärte zunächst das Verwandtschaftsverhältnis: Seine Mutter Hildegard Lessing und Alexandras Mutter Valeska Treitz waren Schwestern. Ihre Familien lebten im Memelland, heute Litauen, und flüchteten 1944 auf unterschiedlichen Wegen Richtung Westen. Familie Treitz‘ Flucht endete nach einer sechsmonatigen Odyssee in Kiel. Noch tragischer verlief die Flucht der Familie Lessing, die Alexandras Biograf Marc Boettcher in seinem Buch beschreibt: „Hildegard und ihre Kinder sowie die Großeltern versuchten vergebens, im Oktober 1944 Platz auf einem der letzten, restlos überfüllten Flüchtlingsschiffe nach Dänemark zu bekommen. Ein Transport des Roten Kreuzes in verlausten Viehwagen, bei dem keinerlei Gepäckstücke mitgeführt werden durften, brachte sie völlig mittellos ins dithmarsische Lunden.“ Der Großvater wurde während der Flucht verschleppt und getötet, der Ehemann und Vater Hermann Lessing ein Opfer des sogenannten Volkssturms. Horst Lessing und seine vier Geschwister wuchsen in Lunden auf, bis die Familie 1952 nach Remscheid verzog.

Für Live-Musik sorgte Sängerin und Pianistin Larissa Pintora aus Hamburg, deren Muttersprache Russisch ist. Diese Sprache liebte auch Alexandra, und daher gehörten einige russische Volksweisen zu ihrem Repertoire. Abgesehen von dem Erfolgsschlager „Zigeunerjunge“, der von Hans Blum stammt, sang Pintora eher unbekanntere Titel, zu denen Alexandra selbst den Text geschrieben oder die Melodie komponiert hatte, wie „Am großen Strom“ und „Ja lublú tebjá“ (Ich liebe dich). Pintora wies darauf hin, dass Alexandra eigentlich nur anspruchsvolle Chansons singen wollte, letztlich aber die Wünsche der Plattenfirma zu erfüllen hatte. Eine besondere Herzenssache bei ihrer Hommage waren für Larissa Pintora daher Alexandras autobiografische Lieder „Der Traum vom Fliegen“ und „Mein Kind, schlaf ein“. Das Wiegenlied hatte Alexandra 1966 für ihren dreijährigen Sohn Sascha geschrieben, und wer ihre Lebens- und Familiengeschichte kennt, wird auch die Melancholie des Textes verstehen: „Ach, du kennst noch keine Not, weißt noch nichts von Krieg und Tod. Deine Welt ist hell und licht, bis der Kindheit Traum zerbricht.“