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Konzert statt Schule

Meldorf (rd) 54 Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule (GMS) fuhren aufgrund von Losglück durch den NDR mit dem Bus nach Hamburg, um ein einstündiges Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie zu erleben. Die Fahrt wurde durch den Praxispool Dithmarschen finanziell unterstützt.

Wenige Schüler der GMS waren seit Eröffnung vor knapp zwei Jahren in und am Gebäude. Nur ein Schüler war bereits Zuhörer bei einer ähnlichen Veranstaltung. Dementsprechend war die Erwartungshaltung bei den Jugendlichen breit gestreut, von Vorfreude über Wiedersehensfreude bis hin zu Skepsis, wie das wohl wird mit der klassischen Musik; denn die gab es zu hören. Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Stefan Geiger spielte Ausschnitte aus Werken von Dmitri Schostakowitsch.

Die Speicherstadt empfing die Gäste mit kaltem Wind und feuchter Luft. Manche trauerten ihren im Bus zurückgelassenen Handschuhen nach, da einige eine kleine Runde in der Speicherstadt drehen wollten. Die Eintrittskarten funktionierten über einen Barcode. Ist der abgelesen, kommt man nicht mehr in das Gebäude, wenn man es doch wieder verlassen hat. Deshalb mussten einige Karten vom freundlichen Personal wieder entsperrt werden. Um halb elf führte die Dithmarscher der Weg über die lange Rolltreppe ins Gebäude. Im Foyer ging es erst einmal nicht weiter, da bereits ein Konzert für Schulklassen stattgefunden hatte und gewartet werden musste, bis alle Saal und Flure verlassen hatten. Die Zeit wurde für Erkundungen genutzt, zum Beispiel am interaktiven Informationstisch, an dem die Schüler erfuhren, dass 2100 Besucher im Großen Saal Platz nehmen können.

Ab Aufgang zu Fluren und Garderoben war alles sehr gut durchdacht, um den Ansturm der Schulklassen zu bewältigen. Jede Schülergruppe kam nur mit ihrer Lehrkraft weiter. Die musste zuerst durch den zweiten Kartencheck und erst, wenn sich die Gruppe vollständig auf der Treppe befand, wurde die nächste eingelassen. Trotzdem dauerte es seine Zeit. Taschen und Rucksäcke mussten dann abgegeben werden – clever: klassenweise hinter der Lehrkraft an einem Einweiser vorbei zu einem freien Mitarbeiter, der einen großen Plastiksack mit einer deutlich lesbaren Nummer aufhielt. Die Jacken mussten mitgenommen werden. Die GMS-Besucher suchten ihren Eingang in der 15. Etage. Sitzt man im Saal, fragt man sich: „Warum die 15., wo wir auf der dritten Ebene sitzen und es über uns nur noch zwei Ebenen gibt?“

Die Jugendlichen saßen gerade, und es ertönte der obligatorische dritte Gong. Ruhe trat ein, und die Blicke schweiften durch den riesigen Konzertsaal. Nur wenige Plätze waren nicht besetzt. Unter Beifall betraten die Musiker den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Als Letzter bestieg der Dirigent sein Podest. Er hob seinen Taktstock und ein kurzes Stück wurde als Ouvertüre gespielt. Der Dirigent stellte dann einige Instrumente und ihre Funktion oder auch ihren Klang vor. Danach betrat eine Moderatorin des NDR die Bühne. Sie machte auf die besondere Akustik aufmerksam, dass jeder wirklich still sein muss, sobald die Musik erklingt, da nicht nur das Publikum an jedem Platz ausgezeichnet und detailliert der Musik lauschen und sie genießen kann, sondern umgekehrt die Musiker jeden Reißverschluss, jedes Hüsteln und Rascheln hören, was eine Ablenkung bedeutet. Die Moderatorin berichtete aus dem Leben und Schaffen von Schostakowitsch, schilderte, was der Komponist unter Diktator Stalin erdulden und erleiden musste und erklärte jeweils die nächsten Musikstücke. So fiel es der überwiegenden Mehrheit der Schüler nicht schwer, die Konzertstunde ruhig durchzuhalten.

Ein weiteres cleveres Detail war, dass das Personal an beliebige Schüler vier rote und vier grüne Kärtchen ausgegeben hatte, mit dem Hinweis, dass sie irgendwann im Verlauf des Konzerts angesprochen werden. Vier Schüler einer Farbe nahmen so auf der Bühne zwischen den Musikern Platz, um von dort aus eine Zeitlang der Musik zuzuhören und ein besonderes Hörerlebnis zu erfahren. Das hätte wohl so manch anderer Gast auch gerne erlebt. Apropos Hörerlebnis: Plötzlich hört man während des Spiels eine kleine Tonfolge intensiver als die Töne, die das Orchester gerade spielt. Das Gehirn setzt ein und grübelt. Die Erkenntnis: Das muss eine Harfe gewesen sein. Die Augen beginnen, das Orchester nach einer Harfe abzusuchen und tatsächlich steht sie zwischen Violinen, Tasteninstrumenten und Holzbläsern. So oder ähnlich erging es einem öfter. Äußerst interessant, dass einzelne Instrumente, so sie denn als Soloinstrument vorhanden waren, herauszuhören waren. 

Obwohl das Publikum stark applaudierte, gab es keine Zugabe. Auch wenn nicht jeder junge Besucher von dem Hörgenuss überzeugt wurde – Geschmäcker sind nun mal verschieden -, wird das Konzert wohl länger in Erinnerung bleiben und der eine oder die andere später irgendwann wieder der Elphi einen Besuch abstatten. Es muss ja nicht unbedingt Klassik sein.