Nachbarn

Mein Körper gehört mir

Von Maike Böhm 

BURG Ein Erst- und ein Drittklässler kauern vor dem Aufsteller, der das lebensgroße Körperbild eines nackten Jungen zeigt. „Hier“, erklärt der Drittklässler, „kannst du Magnete auf den Körper tun, wo du nicht angefasst werden magst.“ Er schiebt je einen Magnet zu Penis, Brust und Füßen. „Da mag ich es nicht.“ 

Die beiden hocken im Musikraum der Grundschule Burg, in dem aktuell die Wanderausstellung des Kieler Präventionsbüros PETZE gastiert; um sie herum Klassenkameraden, in Kleingruppen unterteilt. Erstaunlich leise geht es zu. Immer ein großes Schulkind ist Pate für ein kleines, um die Herausforderung des Lesens an den verschiedenen Stationen zu meistern. Lehrkräfte erklären und unterstützen, wo Bedarf ist. Ansonsten lassen sie ihre Schützlinge bewusst ihren eigenen Weg durch die Ausstellung finden.

Eine konservative Schätzung besagt, dass zehn bis 15 Prozent der Mädchen und fünf bis zehn Prozent der Jungen in Deutschland von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Über 90 Prozent der Täter und Täterinnen kommen aus ihrem familiären und sozialen Umfeld. Ihr Risiko, zum Opfer zu werden, ist zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr am größten - Quellen: BKA, Kinderschutzzentrum Westküste, PETZE. Diese Zahlen zeigen, wie wichtig es ist, Mädchen und Jungen schon in der Grundschule zu sensibilisieren. Doch noch immer herrscht große Unsicherheit, gerade kleinere Kinder zu überfordern. Daher setzt die Wanderausstellung der PETZE bewusst auf positives, stärkendes Erleben. 

An zwölf Spielstationen geht es um Fragen wie: Was sind gute und schlechte Geheimnisse, angenehme und unangenehme Berührungen? Darf ich meinem Gefühl trauen? Wo kann ich mir Hilfe holen? „Viele Kinder wissen gar nicht, dass das, was ihnen geschieht, Unrecht ist“, sagt Schulsozialarbeiterin Heinke Seider. Es war ihre Idee, die Ausstellung nach Burg zu holen. „Deswegen ist es so wichtig, ihnen früh zu vermitteln, dass sie Nein sagen und Grenzen setzen dürfen – auch gegenüber Erwachsenen.“ Da Prävention dann am effektivsten wirkt, wenn möglichst viele Beteiligte an einem Strang ziehen, gehören auch eine Lehrerfortbildung und ein Informationsabend für Eltern zum Gesamtkonzept der PETZE. „Beide Veranstaltungen waren sehr gut besucht“, sagt Heinke Seider und freut sich darüber.

Insgesamt gut 250 Schülerinnen und Schüler der Grundschule Burg mit Außenstelle Süderhastedt besuchten bis zu den Herbstferien die Ausstellung der PETZE und besprachen im Nachgang die Inhalte altersgerecht im Sachkundeunterricht. Vom interaktiven Brettspiel über einen kleinen Leserückzugsraum bis hin zur Sensibilisierung der eigenen Körperwahrnehmung durch eine mit Sandsäckchen befüllte Jacke, die verdeutlichen soll, wie drückend sich Sorgen anfühlen – die Ausstellung zeigt, wie elementar bedeutsam Schutz und Stärkung körperlicher und seelischer Integrität von Kindern schon im Grundschulalter sind und wie ernst alle Verantwortlichen dies nehmen müssen.

Der Erstklässler greift nach einem Magneten und hält kurz inne, bevor er ihn zum Bauch des gemalten Jungen auf dem Aufsteller schiebt. „Da mag ich das nicht“, sagt er dann. Sein großer Pate nickt. Und dann bleiben beide noch einen Moment lang still nebeneinander sitzen.

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