Nachbarn

Orgelkonzert mit Distanz

Von Andreas Vollstedt

Wöhrden – Pastorin Hendrikje Timmermann freute sich sehr darüber, anlässlich eines Orgelkonzerts in der St.-Nicolai-Kirche erstmals wieder zahlreiche Besucher begrüßen zu können, auch wenn diese „Geistliche Abendmusik“ unter Coronabedingungen stattfinden musste.

Timmermann und das Kirchenbüro hatten eigens dafür eine Sitzordnung nach vorheriger Anmeldung für Einzelpersonen, Paare und Familien erstellt. Die Abstandsgebote führten leider dazu, dass mehr als 20 Anfragen abgewiesen werden mussten. Auch für die aus dem fernen Sachsen angereisten Musiker, Professor Dr. Neithard Bethke aus Zittau und Anja Uhlemann aus Görlitz, war es ungewohnt, Distanz zu den Gästen zu halten. Normalerweise begrüßt Bethke als gebürtiger Wöhrdener und Ehrenbürger die Konzertbesucher sogar per Handschlag.

Der 78-jährige Kirchenmusikdirektor im Ruhestand hatte erneut ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das er mit dem beliebten „Trumpet Voluntary D-Dur“ von Jeremiah Clarke (um 1674–1707) einleitete. Bekannter ist das englische Barockstück unter dem Titel „The Prince of Denmark’s March“, wurde vor allem als Hochzeitsmusik bei Prinz Charles und Lady Diana 1981 weltweit populär. Weitere Orgeltranskriptionen waren das „Adagio in g-Moll“ des Italieners Remo Giazotto (1910–1998) und ein Orgelchoral über „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ aus der Oper „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Von Mozart stammten auch Rezitativ und Rondo (KV 255), die mit Textunterlegungen aus Psalm 146 von Anja Uhlemann gesungen wurden. Die Altistin singt in ihrer Freizeit beim Akademischen Chor der Hochschule Zittau/Görlitz und kommt mit Neithard Bethke ein- bis zweimal im Jahr für gemeinsame Auftritte nach Wöhrden. Dieses Mal wurden von Uhlemann insgesamt sieben biblische Lieder interpretiert, davon zwei aus der Bachkantate über Psalm 51 (BWV 1083) und drei des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák (op. 99).

Aus Bethkes eigenem kompositorischem Schaffen entstammt ein Liederzyklus mit Texten des Theologen und Publizisten Uwe Steffen (1928–2010), die einen persönlichen Bezug haben und von Pastorin Timmermann vorgetragen wurden. 1972 skizzierte Bethke in Erinnerung an seine Heimat an der Westküste zunächst rein instrumentale Meditationen für Blasinstrument und Orgel, quasi als „Lieder ohne Worte“, die erst später eine Textunterlegung mit Aphorismen seines engen Freundes Uwe Steffen erfuhren und zum Liederzyklus „Am Meer“ (op. 21) neu zusammengestellt wurden. Steffen war unter anderem von 1966 bis 1975 Propst des Kirchenkreises Norderdithmarschen; Hendrikje Timmermann ist seine Tochter. Sie las neun prägnant formulierte Sinnsprüche ihres Vaters vor, die mit „Rauschen der Wellen“ oder „Mensch im Angesicht der Unendlichkeit“ betitelt waren und sich mit Bethkes eindringlichem Orgelspiel abwechselten.

Die Abendmusik endete mit der „Toccata in G-Dur“ des französischen Komponisten Théodore Dubois (1837–1924), für die Neithard Bethke noch einmal voll in die Tasten der historischen Wilde-Orgel griff. Das begeisterte Publikum dankte ihm und Anja Uhlemann mit kräftigem Applaus. Bethke und Uhlemann werden bei ihren zukünftigen Kirchenkonzerten in Wöhrden auf einen neuen Organisator treffen. Hendrikje Timmermann, seit 2008 Pastorin der Kirchengemeinde, geht nach fast vier Jahrzehnten seelsorgerlicher Tätigkeit im Herbst in den wohlverdienten Ruhestand.