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Tagung der Hebbel-Gesellschaft

Von Hargen Thomsen 

WESSELBUREN Nach und nach versuchen die Vereine, ihr öffentliches Wirken wiederaufzunehmen, nachdem die Coronapandemie alle in eine lange Zwangspause schickte. Auch die Hebbel-Gesellschaft hat sich seit 2019 nicht treffen können und nun mit ihrer Jahrestagung einen neuen Anfang gewagt. 

Der gewohnte Tagungsort im Bibliotheksraum des Hebbel-Museums konnte wegen der nach wie vor geltenden Abstandsregeln nicht genutzt werden, aber die Aula der Eider-Nordsee-Schule bot genug Raum. Von der hohen Glaswand lächelte außerdem Friedrich Hebbel überlebensgroß auf die Besucher herab und gewährte ihnen als Namenspatron seinen Schutz. Der Präsident der Gesellschaft, Prof. Martin Langner aus Krakau, begrüßte viele Stammgäste aus Wesselburen und Umgebung, die froh waren, sich einmal wieder treffen und sprechen zu können, aber auch Besucher von weither wie Prof. Gérard Laudin aus Paris oder Prof. Andrea Rudolph aus Opole in Polen. Sekretär Hargen Thomsen berichtete, wie man versucht habe, die Zeit des Lockdowns mit Rundbriefen an die Mitglieder zu überbrücken, die Neuigkeiten, Fundstücke, Berichte und kleine Aufsätze enthielten. Außerdem hat man einen bisher unbekannten Brief an Hebbel erwerben können.

In der Mitgliederversammlung mussten Vorstandswahlen nachgeholt werden, die eigentlich 2020 vorgesehen waren. Unter anderem wurde Prof. Langner als Präsident wiedergewählt, der sich sichtlich bewegt dafür bedankte und darin eine gesicherte Basis sah, von der aus man weiterarbeiten könne. Unmittelbar an die Mitgliederversammlung schloss sich der erste Vortrag an. Claudia Albes von der Universität Lüneburg sprach über Hebbels Freund Sigmund Engländer und seine Kritik der Werke Adalbert Stifters, eine Auseinandersetzung, die Hebbel selbst ein Jahrzehnt später mit einem der berühmtesten Verrisse des 19. Jahrhunderts fortführte: Er versprach die Krone Polens demjenigen, der es fertigbringe, Stifters Roman Der Nachsommer bis zum Ende zu lesen.

Abends hielt Heinrich Detering von der Universität Göttingen den Festvortrag. Ihm war eine kleine Szene in Hebbels Nibelungen-Trilogie aufgefallen, die bisher ganz unbeachtet geblieben war. In dieser Szene füttert Kriemhild, die sich nach der Ermordung Siegfrieds in die Einsamkeit zurückgezogen hat, ihre Tiere und träumt von einer Welt, in der Mensch und Tier, „uralter Brüderschaft gedenkend, in der Morgenzeit der Welt“ friedlich zusammenleben. Detering interpretiert diese Szene Zeile für Zeile und entdeckt dabei, wie Hebbel in seinen letzten Lebensjahren eine „uranfängliche Eintracht von Menschen und Tieren“ poetisch entwickelt, einen „Tierfrieden“, in den der Mensch, der ihn zerstört hat, jederzeit wieder zurückkehren kann – wenn er nur will. Selbst Hebbels übertrieben anmutende Liebe zu einem zahmen Eichhörnchen, das frei in seiner Wohnung herumspringen durfte, bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung, und Hebbel erscheint als Dichter eines ursprünglichen „Natur-Rechts“, einer Gleichwertigkeit von Tier und Mensch, plötzlich ganz aktuell.

In der Sonntagsmatinee am zweiten Tag der Jahrestagung sprach Barbara von der Lühe von der TU Berlin über die Nibelungensage in audiovisuellen Medien und zog dabei einen ebenso interessanten wie amüsanten Querschnitt durch hundert Jahre Filmgeschichte. Schon 1910 bekämpfte der Hunnenkönig Attila die Nibelungen in einem italienischen Stummfilm, und von da aus geht es weiter über den berühmten Stummfilm von Fritz Lang (1924) und die zweiteilige Verfilmung des Karl-May-Regisseurs Harald Reinl aus den 60er-Jahren bis zum Sat1-Mehrteiler von 2006, der den Stoff in ein dröhnendes Action-Spektakel mit Fantasy-Einschlag verwandelt. Ein Nibelungen-Sexfilm aus den 70er-Jahren und eine Tom-Gerhard-Komödie mit Kölsch sprechendem Siegfried wurden ebenfalls gestreift. Den Abschluss der Tagung bildeten Schnittchen, Wein und Gespräche, die die Gelegenheit boten, alte Bekanntschaften aus vorpandemischen Zeiten wieder aufzufrischen – eine Gelegenheit, die dankbar genutzt wurde. Der Neustart nach langer Zwangspause schien gelungen.

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