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Viele neue Erkenntnisse vermittelt

Von Andreas Jakob 

Brunsbüttel - Zu seiner jährlichen Exkursion lud der Verein für Brunsbütteler Geschichte (VfBG) nach Meldorf ein. 17 Mitglieder und Angehörige machten sich auf den Weg in die Domstadt. Erster Programmpunkt des vom zweiten Vorsitzenden Gerd Moormann organisierten Ausflugs war der Besuch des Dithmarscher Landesmuseums. 

Unter der fachkundigen Führung von Dr. Christoph Otte, wissenschaftlicher Volontär des Museums, erkundete die Gruppe zunächst die Abteilung Mittelalter und frühe Neuzeit. Zu sehen gab es Exponate zur Siedlungsgeschichte, zur politischen Geschichte und zur bäuerlichen Kultur und Lebensweise. Anschaulich erläuterte Dr. Otte, wie die Randlage Dithmarschens, die praktisch eine Insellage war, die faktische politische Unabhängigkeit und damit die Selbstverwaltung Dithmarschens ermöglichte, die im Begriffe Bauernrepublik zum Ausdruck kommt. Anschließend führte Dr. Otte die Hobbyhistoriker durch den Südflügel, in dem bis zum Beginn der 1960er-Jahre die Meldorfer Gelehrtenschule untergebracht war. Einrichtungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert waren zu besichtigen, Teile des ehemaligen Bahnhofs in Nordhastedt, ein altes Klassenzimmer, Maschinen einer Schnittleistenfabrik aus Heide, eine alte Küche, ein Friseursalon, eine Landarztpraxis aus wilhelminischer Zeit, eine Zahnarztpraxis mit einem vorsintflutlich anmutenden Bohrer, der durch Treten eines Pedals angetrieben wurde, verschiedene Ladengeschäfte, eine alte Kneipe und zum Schluss ein alter Kinosaal.

Nach einem Mittagessen im Hotel Zur Linde geleitete Stadtführerin Ursel Burmeister die Besucher durch den Meldorfer Dom. Zunächst erläuterte sie die Geschichte der größten Kirche an der Westküste zwischen Hamburg und Ribe/Ripen, die von 1250 bis 1300 errichtet wurde. Die inoffizielle Bezeichnung Dom ist irreführend, da die Kirche nie Bischofssitz war. Der offizielle Name ist St.-Johannes-Kirche. Ursel Burmeister erklärte den aus Eichenholz gefertigten Lettner, das Chorgitter, mit seinen vielen Figuren, der eine Art Zaun zwischen dem Altarraum und dem Teil des Kirchenschiffs bildet, in dem die Gemeinde sitzt. Durch den Lettner hindurch waren der Passionsaltar aus dem 16. Jahrhundert und das Taufbecken zu sehen, das älteste Stück im Dom, wahrscheinlich aus der Zeit um 1300. Sehr anschaulich erläuterte Ursel Burmeister dann die beiden großen Epitaphe im Mittelschiff. Sie wurden von den Familien Steinhaus und Wasmer gestiftet. Ein besonders kostbares Juwel sind die Fresken in den Gewölben des Querschiffs und der Vierung, dem Kreuzungspunkt von Haupt- und Querschiff. Ungewöhnlich und vielleicht sogar einzigartig ist, dass im nördlichen Querschiff Szenen aus dem alten und dem neuen Testament in einem Gewölbe nebeneinander abgebildet sind.

Letzter Programmpunkt des Ausflugs war nach einem Kaffeetrinken im Dom-Café ein von Ursel Burmeister geführter Spaziergang durch die Altstadt. Auf dem Marktplatz wies sie auf die im neoklassizistischen Stil erbauten Häuser hin, die an der Form ihrer Fenster zu erkennen sind. Nach einem kurzen Abstecher ins Burgviertel machte sie auf den Stolperstein für Friedrich Jansen aufmerksam, dem letzten Meldorfer Opfer der Nazi-Diktatur. Danach ging es zum alten Pastorat mit dem schönen Backsteingiebel im Klosterviertel, für dessen Erhalt sich 2003 eine Bürgerinitiative gründete, die mit Hilfe vieler Sponsoren das Gebäude restaurieren und so vor dem Verfall retten konnte. Letzte Station auf dem sehr interessanten Rundgang war die Meldorfer Fibel, bei der es sich um eine bronzene Gewandspange aus der jüngeren Eisenzeit handelt. Sie wurde in der Nähe von Meldorf gefunden und liegt jetzt im Archäologischen Landesmuseum in Schloss Gottorf. Zur Erinnerung an den Fund wurde am Eingang zur Fußgängerzone Spreetstraße eine Steinplatte verlegt, auf der die stark vergrößerten Umrisse der Spange eingeritzt sind.

Eigentlich war damit das Ende der Stadtführung erreicht, aber auf Wunsch mehrerer Teilnehmer erklärte sich Ursel Burmeister bereit, mit der Gruppe zum ehemaligen Galgenberg in der Österstraße zu fahren, auf dem 1796 die letzte Hinrichtung in Meldorf stattfand. Es war eine sehr interessante und lohnenswerte Exkursion, die den Teilnehmern viele neue Erkenntnisse vermittelte, obwohl einige vielleicht vorher gedacht hatten, dass sie Meldorf doch eigentlich kennen. Gerd Moormann gebührte Dank für die hervorragende Organisation der Fahrt.

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