Nachbarn

Volltreffer in der Kirche

Von Svenja Engel

Marne - Die Debatte um den Wolf und die damit verbundenen Hilferufe der Schäfer ließen Pastor Rainer Petrowski aus Marne aufhorchen. Gemeinsam mit betroffenen Schäfern und einem Tierarzt bereitete er einen Gottesdienst vor. So ging es vor Kurzem an einem Sonntag in der Maria-Magdalenen-Kirche um Schafe, Wölfe und Menschen.

„Wenn ich ein Schaf einschläfern muss und sich dabei die Bauchdecke des Tieres bewegt“, erklärt Tierarzt Dr. Henning Dührsen aus Dingen, „dann sehe ich in dem Moment den Todeskampf der Lämmer im Mutterleib.“ Es ist nun so still in der Maria-Magdalenen-Kirche, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Der Tierarzt sitzt zusammen mit zwei Schäfern und einer Schäferin im Altarraum und beantwortet die Fragen der Kirchengemeinderäte Friederike Kruse und Svenja Engel. Es geht um die Sorgen der Schäfer, die nach der Rückkehr des Wolfes groß sind. Pastor Rainer Petrowski konnte und wollte über diese Sorgen nicht mehr hinwegsehen und widmet den Gottesdienst am Judika-Sonntag den Schäfern. Statt einer Predigt erleben die Besucher der vollbesetzten Kirche ein Interview. Ein Interview, das unter die Haut geht.

Knut Jäger ist Schäfer aus Friedrichskoog und musste schon mehrere Wolfsrisse ertragen. „Die Zeit zwischen Anruf und Eintreffen des Tierarztes und Wolfsgutachters erscheint einem endlos“, sagt der Schäfer. Fast alle Schafe überlebten die Risse mit schrecklichen Wunden. Die Stimme von Knut Jäger stockt, als er sagt: „Sie können am allerwenigsten dafür und müssen dennoch so furchtbare Schmerzen erleiden.“ Er zeigt auf seinen Sohn Hendrik, der gemeinsam mit seiner Mutter Dörte Jäger zwischen den Gottesdienstbesuchern sitzt. „Hendrik hat Landwirtschaft gelernt und wollte den Betrieb übernehmen. Das ist aber jetzt mehr als in Frage gestellt.“ An diesem Sonntagmorgen sprechen aber nicht nur ein Tierarzt und Schäfer über ihre Sorgen. Pastor Rainer Petrowski hat auch den Naturschutzbeauftragen des Kreises Dithmarschen, Walter Denker, eingeladen. Dieser berichtet den Gottesdienstbesuchern, dass viele Menschen die Rückkehr des Wolfes als positives Zeichen für eine gesunde Natur sehen würden.

Im Anschluss an das Interview und den Vortrag durch Walter Denker gibt Pastor Petrowski den Gottesdienstbesuchern das Wort. Wohl wissend um die Brisanz des Themas und die damit verbundenen Emotionen bittet er um einen respektvollen Umgang miteinander – und wird nicht enttäuscht. Die Tierliebhaberin, der das Wohl der Wölfe am Herzen liegt, findet genauso Gehör, wie die Hobbyschafhalterin, die unter Tränen von der Aufgabe ihrer Schafhaltung erzählt. Landtagsabgeordneter Volker Nielsen ergreift das Wort und verspricht, sich verstärkt um die Nöte der Schafhalter kümmern zu wollen. Am Ende des ungewöhnlichen Gottesdienstes nutzen noch viele Besucher die Zeit für ein Gespräch. Man sieht den Landtagsabgeordneten im angeregten Gespräch mit der Hobbyschafhalterin, in deren Augen nun ein Hauch von Hoffnung glimmt. In einem sind sich wohl alle einig, wie Gottesdienstbesucherin Karen Bley aus Friedrichskoog sagt: „Der Gottesdienst war ein Volltreffer. Sowas kann die Kirche gerne öfters mal machen.“