Die fast vergessenen Seeleute

Heide Kurt-Ewald Finke Donnerstag, 2. Dezember 2021



 Für die drei- bis fünfjährigen Kinder der Spielstunde Weddingstedt und die Marinejugend der Marinekameradschaft (MK) Heide war es eine tolle Idee, für Seeleute, die Weihnachten nicht zu Hause bei ihren Familien sein können, etwas zu basteln.

Mit Begeisterung und unter Anleitung der Betreuerinnen Fee Dobslaw und Carolin Peters wurden Geschenktüten mit Sternen und Weihnachtsbäumen bemalt, kleine Glitzersterne, Weihnachtskerzen und Lichter gebastelt. Gerade diese kleinen Basteleien geben den Weihnachtspäckchen etwas Persönliches. Es machte die Kinder aber auch etwas traurig, zu wissen, dass Seeleute an Weihnachten nicht bei ihren Kindern in der Heimat sein können. Und sie wissen auch, dass es Seeleute durch die Coronapandemie noch schwerer haben.

Es sind kleine Geschenke für Nord-Ostsee-Kanal durchfahrende Seeleute, kleine Aufmerksamkeiten für Menschen, die an Bord der Schiffe meist unsichtbar bleiben und doch 90 Prozent aller Güter weltweit transportieren, auch Weihnachtsdeko und Weihnachtsgeschenke aus aller Welt. Trotz moderner Technik ist das Leben von Seeleuten auch heute noch hart und entbehrungsreich. Viele Seeleute sind monatelang von ihren Familien getrennt, leben auf engstem Raum zusammen, mit Menschen verschiedener Kulturen, und sie arbeiten an 365 Tagen im Jahr. Feiertage wie Weihnachten gibt es im Seemannsalltag nicht, berichtet Kurt-Ewald Finke, Vorsitzender der Marinekameradschaft Heide.

Wegen der Pandemie sind Seeleute weltweit an Bord ihrer Schiffe seit Monaten in Zwangsquarantäne. Einige Seeleute bezeichnen ihre Schiffe bereits als eisernes Gefängnis, sagt Seemannsdiakon Leon Meier. Noch immer, zum Teil seit 18 Monaten und mehr, sitzen viele Tausend Seeleute auf ihren Schiffen fest, weil sie wegen der Coronakrise nicht in ihre Heimatländer können, auch zu Weihnachten nicht. Keiner darf von Bord, keiner an Bord. Trotz vielfältiger Appelle hat sich ihre Lage bislang immer noch nicht wirklich verbessert. Sie werden nicht abgelöst, und wenn sie von Bord dürfen, dürfen sie zum Teil nicht in ihre Heimatländer einreisen, so Meier.

Um den Seeleuten zu Weihnachten eine kleine Freude zu machen und ihnen zu zeigen „Wir sehen euch, wir denken an euch“, starteten die Mitglieder der MK Heide auch dieses Jahr wieder die Geschenkaktion. Als ein Alle-Mann-Manöver unter 2G-Regeln wurde die Aktion wie geplant durchgeführt. Mit einer großen Helferschar setzte die MK Heide die Aktion „Weihnachtspäckchen für Seeleute“ an mehreren Tagen und dank großzügiger Sach- und Geldspenden um. 30 Geschenkpäckchen wurden gepackt und rechtzeitig zum Advent dem Leiter der Deutschen Seemannsmission in Brunsbüttel, Seemannsdiakon Leon Meier, überbracht.

MK-Vorsitzender Finke dankte allen Spendern und Helfern. Er fuhr mit Mats A. Struve Marinejugendmitglieder zur Seemannsmission nach Brunsbüttel. Dort wurden mit vielen ehrenamtlichen Helfern weitere 1200 Päckchen gepackt. In der Adventzeit verteilt die Seemannsmission die Geschenke. Hygieneartikel des täglichen Bedarfs, warme Mützen, warme Strümpfe sowie weihnachtliches Naschwerk, Kekse und Gebäck sollen den Seeleuten ihre Weihnachtstage fern der Heimat erträglicher machen. Auch andere Marinekameradschaft des Deutschen Marinebundes helfen jedes Jahr mit und bringen zahlreiche Päckchen und warme Kleidung nach Brunsbüttel. „Viele der ausländischen Seeleute frieren, weil sie das Klima von zu Hause gar nicht kennen“, erklärt Seemannsdiakon Meier. „Wir brauchen vor allem warme Sachen und Wetterjacken“, so Wolfgang Berndt. Der ehemaliger Zahnarzt engagiert sich in seiner Freizeit in der Kleiderkammer der Seemannsmission. Die verteilt die Geschenke an Bord der Schiffe, die in die deutschen Seehäfen kommen. NOK-Kanallotsen und -Kanalsteuerer nehmen die Geschenkpakete mit an Bord. Auch in diesem Jahr ist die Freude der Seeleute wieder besonders groß. Angesichts der vierten Coronawelle sind es schwierige Zeiten für sie.