Wirtschaft & Finanzen

Wie große Unternehmen versehentlich Verschwörungstheoretiker unterstützen

Das Bewerben der eigenen Produkte im Internet ist für manche Unternehmen zum Lebenselixier geworden, und auch die wirklich großen Firmen dieser Welt machen rege bei diesem Trend mit. Eine aktuelle Studie hat nun aber offengelegt, dass die „undurchsichtige“ Natur dieser Branche dazu beiträgt, ungewollt auch Fehlinformationen in der Online-Welt zu verbreiten und zu unterstützen.

Die bekanntesten Marken, denen wir tagtäglich begegnen, darunter auch Nike und Amazon, haben laut einem Bericht des „Bureau of Investigative Journalism“, der in der britischen Zeitung Observer veröffentlicht wurde, unwissentlich mit Werbeausgaben auf einschlägig bekannten Webseiten dazu beigetragen, sogenannte „Fake-News“ in der digitalen Welt zu verbreiten.

Was sind sogenannte „Verschwörungsseiten“ und warum sind sie gefährlich?

Das gesamte Internet wird jeden Tag mit Millionen von Online-Inhalten gefüttert und bildet daher seit seiner Gründung einen riesigen Informationspool. Viele der darin aufzufindenden Seiten sind selbstverständlich nützlich und hilfreich für deren User. Oft werden dadurch die Benutzer über bestimmte Sachthemen aufgeklärt, informiert oder auch unterhalten. Hier zählt mit Sicherheit Wikipedia zu den wichtigsten und bekanntesten Beispielen. Aber es gibt auch viele Selbsthilfegruppen im Internet zu finden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen, die sich in misslichen Lagen befinden, zu helfen, zu unterstützen und zu schützen. Diese bieten dann Selbsthilfematerial an, oder geben Richtlinien vor, wie man sich in betreffenden Lebenssituationen richtig verhalten soll. Es werden Leitfäden herausgegeben, wie beispielsweise Suchtprobleme beim problematischen Glücksspiel behandelt werden können. Jedoch muss sich das beginnende Internetzeitalter auch mit gezielt gefälschten Informationsmaterial auseinandersetzen, deren Verbreitung unter den Benutzern rasant zunimmt. Zumeist werden diese nicht auf Grundlagen basierenden Aussagen und Scheininformationen von Menschen geplant, erstellt und eigentlich immer aus zumeist hinterhältigen Motiven veröffentlicht. 

Unzählige Webseiten, die Fehlinformationen veröffentlicht haben, und die in den unterschiedlichsten Sprachen verfasst wurden, haben so in den letzten Jahren traurige Berühmtheit erlangt. Und die Pandemie, in der wir uns noch immer befinden, wurde für viele Tatsachenmanipulanten zur großen Gelegenheit, die verschiedensten Verschwörungstheorien - beispielsweise über Covid-Impfstoffe – weltweit zu verbreiten. So konnte man unter anderem auch von einer Behauptung lesen, dass bei der Impfung allen Personen ein Mikrochip implantiert wird, der den Träger kontrolliert und auf Schritt und Tritt überwacht. Andere morbide Falschmeldungen versuchen, die Wut der Bevölkerung zu schüren, indem irreführende Statistiken über ethnische Minderheiten veröffentlicht werden. 

Die Beweggründe, um solche gezielten Fehlinformationen unter das digitale Volk zu bringen, sind unterschiedlich. Oft verdienen sich die Personen, die Unwahrheiten im Internet verbreiten, nur allein durch die Werbung, die auf ihren Seiten geschalten werden, eine goldene Nase. So hatte etwa der berühmt-berüchtigte Impfgegner Alex Jones mehr als 2,4 Millionen Follower auf YouTube. Erst spät wurde seinem Treiben ein Riegel vorgeschoben. Diese Tätigkeiten können für viele Betreiber dieser Webseiten unglaublich lukrativ werden, denn je mehr Klicks oder „Gefällt mir“-Angaben sie auf ihren Seiten erhalten, desto mehr verdienen sie an Einnahmen aus dem Affiliate-Marketing und aus Sponsoring- und Werbeeinnahmen. 

Andere Leute, die irreführende Informationen verbreiten, wollen aber einfach nur Unruhe und Unmut stiften. So wurden in der Vergangenheit politisch sensible Themen wie der Brexit dazu verwendet, gezielte Falschaussagen über die EU zu verbreiten. Diese ungefilterten Daten schüren den Hass und die Ablehnung gegenüber übermächtigen und undurchschaubaren Institutionen und bestärken jene Bevölkerungsschichten, die ganz einfach anderer Meinung sind. Aber nicht nur Privatpersonen scheinen hinter dem Verbreiten von unlauteren Nachrichten zu stehen. Schon oft wurde darüber spekuliert, dass sogar einige Regierungen hinter einigen diesen manipulierten Inhalten stehen könnten, denn die Unzufriedenheit der Bürger im eigenen Land konnte schon seit Menschengedenken zum eigenen politischen Nutzen verwendet werden. 

Jene Webseiten, die bewusst Covid-Fehlinformationen verbreiten, sind deshalb gefährlich, da sie den Zweck verfolgen, die Unwissenheit und Unsicherheit der Bevölkerung auszunutzen und dadurch auch Ängste zu schüren und sich an diesen zu bedienen. Diese endet zumeist in heftigen (verbalen) Auseinandersetzungen zwischen Interessensvertreter, die unterschiedliche Ansichten haben. Diese Unwahrheiten können auch das Leben von Millionen von Menschen gefährden, da beschwichtigende Aussagen über die Gefährlichkeit des Virus postuliert werden, und auch falsche Versprechen über die Aus- und Nebenwirkungen vermittelt werden. Es gilt zu bedenken: laut der Weltgesundheitsorganisation sind in den letzten 18 Monaten bereits mehr als fünf Millionen Menschen weltweit an der Pandemie gestorben. 

Und bemerken nun unbedarfte Internetnutzer, dass große und weltbekannte Unternehmen auf diesen einschlägigen Webseiten ihre Produkte durch gezielte Werbung zur Schau stellen, dann kann leicht das Gefühlt von Vertrauen und Sicherheit bei diesen Lesern aufkommen. Denn diese Produkten der multinationalen Konzerne wirken vertraut. Amazon-Werbeanzeigen erschienen zum Beispiel laut der oben angesprochenen Studie auf mehr als 30 dieser einschlägigen Webseiten und Millionen von Menschen nutzen jeden Tag die Dienste von Amazon. Daher ist es auch nur allzu verständlich, dass auch jenen Falschinformationsseiten blindlinks vertraut wird.

Und wie sind die Unternehmen daran beteiligt?

Um die betreffenden Anzeigen zu finden, verwendete „The Bureau“ ausgeklügelte „Crawler“, die eine bestimmte Person simulieren, die unterschiedliche Webseiten besucht. So konnte herausgefunden werden, dass fast 30 große Firmen auf mehreren Fake-News-Seiten präsent waren, und diese Unternehmen haben auf diesen betreffenden Seiten mehrere Hunderte Anzeigen geschaltet.

Amazon Pharmacy, schon jetzt vom deutschen Apothekermarkt gefürchtet, schaltete in dieser Zeit die meisten Werbungen. Diese machten mehr als 1% der 42.000 von dieser Analyse-Software erfassten Werbeeinschaltungen aus. Diesen Zahlen am nächsten kam der Computerriese Lenovo und die US-amerikanische Bank Discover, aber es wurde auch für Nike, Honda, Ted Baker, Asos, eBay und Walgreens Werbungen geschaltet. 

Für diese Unternehmen mit deren Milliarden von Kunden pro Jahr ist es wichtig, nicht mit irgendwelchen abstrusen Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht zu werden, da sich diese wie ein Lauffeuer unter den Nutzern verbreiten. Wir können uns natürlich die Frage stellen, wie ein solches Problem überhaupt entstehen kann.

Wie kann so etwas passieren?

Das digitale Werbesystem ist laut Raegan McDonald, dem Sprecher des Internetbrowsers Mozilla, „unglaublich“ undurchsichtig. 

Denn dieses ist in einem schwierig zu durchschauenden Netz von Technologieunternehmen, zu denen auch Google zählt, verflochten, das unterschiedliche Prozesse verwendet und bei denen die Benutzerdaten mit den auf den Webseiten verfügbaren Werbeflächen abgeglichen werden. So kann es auch passieren, dass ein Internetuser, dessen Surf- und Kaufverhalten bereits bekannt ist, eine Seite mit Fake-News aufruft und dann dort eine für ihn maßgeschneiderte Anzeige von Nike oder Amazon präsentiert bekommt, obwohl diese Unternehmen selbst, nie die Absicht gehabt hätte, diese dort zu platzieren. 

Die Betreiber von irreleitenden Webseiten profitieren also doppelt. Erstens durch den Seitenaufruf des Users, als auch durch die Werbeeinnahmen, die dann gleichzeitig weiterhelfen, diese Webseite zu finanzieren, damit diese auch stetig ihre Reichweite und Kundenakzeptanz erweitern kann. 

Dies stellt einige der führende Wirtschaftsunternehmen vor größere Probleme, da sich diese sowohl aus strategiepolitischen, ethischen als auch aus kommerziellen Gründen von verfälschten oder unrichtigen Informationen distanzieren müssen. Daher werden auch die neuesten Erkenntnisse dieses Forschungsinstituts dazu beitragen, dass diese Unternehmen zu raschen Maßnahmen greifen, damit sie nicht mehr in den Verdacht kommen, mit diesen Webseitenbetreibern in Verbindung zu stehen.

Was können nun die großen Unternehmen dagegen tun?

Die betroffenen Firmenkonsortien haben schnell auf die Enthüllungen reagiert. 

So kündigte unter anderem Lenovo an, dass es „die Werbeplatzierungen auf Webseiten, die offensichtlich Falschinformationen enthalten“ nicht mehr gestattet und freigeben werde, dass sie gemeinsam mit ihren Medienpartnern zusammenarbeiten würden, um „bestehende Schutzsysteme zu überprüfen und gegebenenfalls zu optimieren“. Ein Sprecher des Automobilkonzerns Honda ließ verlautbaren, dass sie sich des Problems bewusst seien und sie dies abstellen werden, und gleichzeitig ermutigte er seine Kunden nachdrücklich, sich vollständig impfen zu lassen. Ted Baker wiederum versprach, dass alle Werbeschaltungen in Zukunft nicht mehr auf solchen Internetportalen erscheinen würden. Andere Unternehmen zeigten unterdessen sich nicht so offen und transparent und lehnten eine Stellungnahme ab. 

Der Großverdiener Google, der am meisten von den digitalen Werbeprozessen profitiert, äußerte sich nur vage zu den Ergebnissen dieser Studie. Anstatt die Werbeeinschaltungen direkt zu erwähnen, stellte der Konzern fest, dass sie sich dem „Schutz der Verbraucher und der glaubwürdigen Unternehmen, die auf ihren Plattformen Inhalte veröffentlichen, verpflichtet fühlen“. 

Für Verbraucher zählen jetzt die gesetzten Taten und keine beschwichtigenden Worte mehr. Werbeexperten gehen davon aus, dass die Unternehmen, die online Werbung schalten, zukünftig härter daran arbeiten werden müssen, um diese von ihnen in Auftrag gegebenen Werbeeinschaltungen besser überwachen zu können. Denn selbst ein winziger Bruchteil der digitalen Werbeeinnahmen, die allein in diesem Jahr auf 455 Milliarden US-Dollar (388 Milliarden Euro) geschätzt werden, sind immer noch viel Geld für die Betreiber von Verschwörungsseiten im Internet. 

Andere Kritiker des Systems fordern weitere und auch regelmäßigere Untersuchungen und Studien zu diesem Thema an. Hierbei sind jedoch tiefgehende Recherchen und Vorkenntnisse der zu untersuchenden Materie beim Kampf gegen Fehlinformationen von entscheidender Bedeutung. Ob aber diese Vorhaben wirklich umgesetzt werden, kann gegenwärtig nur sehr schwer vorhergesagt werden.

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