- Gesundheit im Dialog -

Gewalt in der Pflege

Heide – Ein Familienmitglied zu pflegen, kostet viel körperliche und noch mehr seelische Kraft. Viele pflegende Angehörige reiben sich beim Spagat zwischen Pflege, Beruf, Haushalt und Familie auf und vernachlässigen dabei eigene Bedürfnisse. In Kooperation mit unserer Zeitung rät die AOK Nordwest, sich frühzeitig professionelle Hilfe und Unterstützung zu holen.

Manche pflegende Angehörige sind mit ihren Kräften und ihrer Geduld einfach am Ende. Dann kann schon eine Kleinigkeit genügen, und der unterdrückte Frust entlädt sich gegenüber den Pflegebedürftigen. Zum Beispiel, wenn der demenzkranke Vater dringend zum Arzt muss und der Termin endlich feststeht. Doch ausgerechnet an diesem Morgen weigert sich der alte Mann, aufzustehen und sich beim Anziehen helfen zu lassen. Da platzt der Tochter, die zwischen der Betreuung ihres Vaters, ihrem Teilzeitjob und der eigenen Familie rotiert, der Kragen: Sie schreit den Vater an, reißt die Bettdecke weg und versucht, ihn aus dem Bett zu zerren. Doch der alte Mann klammert sich mit aller Kraft am Bettrahmen fest. Hinterher tut der Tochter ihr Ausbruch leid und sie fühlt sich schuldig. "Am besten bevor die Situation eskaliert, sollten sich pflegende Angehörige Hilfe holen", empfiehlt Michaela Bothe, AOK-Pflegeberaterin im Raum Dithmarschen.

Gewalt hat viele Gesichter

Gewalt hat viele Gesichter. "Häufiger als körperliche ist psychische Gewalt", sagt Bothe. Das kann sich durch Anschreien, Schimpfen, Demütigungen und Beleidigungen äußern, aber auch dadurch, dass dem Pflegebedürftigen notwendige Hilfen vorenthalten werden, sein Wille ignoriert, seine Privat- und Intimsphäre missachtet und er finanziell ausgebeutet wird. Doch auch Pflegende sind nicht selten mit herausforderndem Verhalten von Pflegebedürftigen konfrontiert.

Das genaue Ausmaß von Gewalt in der Pflege ist nicht bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass in wirtschaftlich entwickelten Ländern mindestens vier bis sechs Prozent der alten Menschen in ihrem Zuhause vernachlässigt oder misshandelt werden. Genauso vielschichtig wie die Formen der Gewalt sind auch die Auslöser. "Oft steckt Überlastung dahinter", so AOK-Pflegeberaterin Bothe. Es können sich aber auch schwierige Beziehungskonstellationen zuspitzen oder lange verdrängte familiäre Konflikte aufbrechen. In den meisten Fällen hat jede Form der Gewalt eine längere Vorgeschichte. Warnsignale für Überlastung sind beispielsweise chronische Müdigkeit, innere Unruhe, Niedergeschlagenheit, Gereiztheit, Schuldgefühle und -zuweisungen, Gedanken der Sinnlosigkeit, Schlafstörungen sowie Kopf- und Rückenschmerzen.

Schwieriges Verhalten von Kranken belastet

Für Angehörige, die sich stark in der Pflege engagieren, ist es sehr belastend, wenn Pflegebedürftige ihnen gegenüber ungehalten werden oder sogar körperliche Gewalt anwenden. So schwer es ist: Wichtig ist es dann, dies nicht persönlich zu nehmen. Pflegende sollten sich vor Verletzungen schützen und ruhig bleiben. "Hilfreich kann es sein, sich über die vorliegenden Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz zu informieren", rät Bothe. Die Teilnahme an einem Kurs kann helfen, Verständnis zu entwickeln, sich besser in den Kranken hineinzudenken und mit angespannten Situationen gelassener umzugehen.

Eskalationen lassen sich in manchen Fällen verhindern, indem Pflegende versuchen, den Pflegebedürftigen abzulenken. Trotzdem kann es passieren, dass sich Konflikte zuspitzen. Dann ist es sinnvoll, für ein paar Minuten das Zimmer zu verlassen und tief durchzuatmen. Ein Spaziergang kann ebenfalls helfen, Abstand zu gewinnen und sich zu beruhigen. Natürlich nur, wenn der Pflegebedürftige in dieser Zeit versorgt ist.

Hilfreich ist es darüber hinaus, mit einer vertrauten Person zu sprechen oder sich professionelle Hilfe zu holen, zum Beispiel bei einem Krisentelefon oder einer Beratungsstelle wie "Pflege in Not" anzurufen, die Probleme zu schildern oder ein persönliches Gespräch in Anspruch zu nehmen.

Ein Artikel aus der Serie "Gesundheit im Dialog" von der AOK Nordwest und Boyens Medien.

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