- Gesundheit im Dialog -

Wenn Gegenstände  Geborgenheit ersetzen

Heide – Zu faul zum Aufräumen? Nein, beim Messie-Syndrom handelt es sich um die Auswirkungen einer psychischen Störung, die Fachleute auch zwanghaftes Horten nennen. Aber nicht jeder, der unordentlich ist, ist ein „Messie“. In Kooperation mit unserer Zeitung informiert die AOK Nordwest, ab wann Horten nicht mehr normal ist, warum die angehäuften Sachen so wichtig sind und was helfen kann.

Gelesene Zeitungen, Bücher, alte Kalender, Bastelsachen, Schuhe, Kleidung, Kisten mit Fo-tos - in den Zimmern sogenannter Messies (von engl. "mess" = Durcheinander, Unordnung) türmen sich die verschiedensten Dinge. Manche Wohnungen sind so vollgestellt, dass sich die Betroffenen nur noch in schmalen Durchgängen darin bewegen können. "Messies sind nicht zu faul, um aufzuräumen", betont AOK-Mediziner Dr. Wolfgang Mollowitz. "Sondern aus tie-ferliegenden psychischen Gründen fällt es ihnen extrem schwer, sich von Gegenständen zu trennen." Die sie umgebenden Dinge haben einen hohen emotionalen Wert für die Betroffe-nen: Sie geben Halt und Geborgenheit und das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten. Deshalb ist es auch wenig hilfreich, wenn andere die Wohnung aufräumen oder säubern. Das kann panische Ängste auslösen. Für manche fühlt es sich so an, als würde ihr Leben weggeworfen.

Es kann jeden treffen

Das Messie-Syndrom ist gar nicht so selten: Schätzungsweise jeder 20. Mensch in Deutsch-land ist davon betroffen. Die Störung kommt zudem in allen sozialen Schichten vor: Nicht nur der Sozialleistungsempfänger, auch die Konzernchefin kann betroffen sein. Nur eine Minder-heit lebt – entgegen einem gängigen Vorurteil - zwischen Essensresten, Schmutz und Müll. Meistens sieht man Messies nicht an, welches Chaos bei ihnen zu Hause herrscht. Nach au-ßen hin können sie gut funktionieren und im Beruf erfolgreich sein. Paradoxerweise haben sie einen Hang zum Perfektionismus, der sie allerdings regelrecht erdrückt, wenn es um die Ord-nung in den eigenen vier Wänden geht.

Gewisse Unordnung ist normal

Eine gewisse Unordnung ist normal, kann sogar lebendig machen und Kreativität fördern. Und Objekte zu sammeln, gehört zu den menschlichen Bedürfnissen. Ab wann also beginnt die Unordnung krankhaft zu werden? Der Übergang ist fließend: Ein Liebhaber von Technik sammelt vielleicht Motoren und Maschinen, bringt alle möglichen Geräte von seinen Reisen mit. Wenn die Sammelleidenschaft jedoch dazu führt, dass sich der Betroffene des Durchei-nanders schämt und niemanden mehr zu sich nach Hause einlädt, dann ist die Grenze über-schritten.

„Das Ansammeln von Gegenständen ist als Versuch zu werten, unerträgliche Gefühle zu un-terdrücken. Ungelöste innere Konflikte sollen durch das unkontrollierte Sammeln bewältigt werden", so Dr. Mollowitz. Häufig haben die Betroffenen schon in der Kindheit einschneiden-de Trennungen erlebt. Mit dem Wegwerfen der Gegenstände kommen tiefe Verlustgefühle wieder hoch. Viele Betroffene haben Probleme mit ihrem Selbstwert, sie fühlen sich wertlos. Zudem fällt auf, dass sich die Betroffenen häufig nur schwer konzentrieren können - bei-spielsweise aufs Aufräumen - und eine große Angst vor falschen Entscheidungen haben.

Ein Artikel aus der Serie "Gesundheit im Dialog" von der AOK Nordwest und Boyens Medien.

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