- Gesundheit im Dialog -

Wenn Mann plötzlich im Ruhestand ist

Heide – Bis zuletzt voll Power – und dann nur noch Privatier? Das macht vielen Männern zu schaffen, so sehr sie sich den wohlverdienten Ruhestand auch herbeigesehnt haben. In Kooperation mit unserer Zeitung informiert die AOK Nordwest, wie die Leere genutzt werden kann, die häufig mit dem Eintritt in den Ruhestand entsteht.

Feststeht: Mann sollte sich frühzeitig auf den dritten Lebensabschnitt vorbereiten. Auch wenn „der Ruhestand“ – in der Vorstellung Ausschlafen, Füße hochlegen, Reisen, unendlich viel Freizeit – vielen gestressten Arbeitnehmern als das Paradies auf Erden erscheint. Denn das ruhige Leben als Pensionär bekommt nicht jedem. Wenn der Schreibtisch plötzlich leer ist, die Tage nicht mehr strukturiert sind und das Telefon stillsteht, wenn die Kontakte zu den Kollegen wegfallen und die Anerkennung für berufliche Erfolge ausbleibt, dann macht das vielen Neurentnern zu schaffen. „Der Übergang in den Ruhestand ist ein großer Einschnitt, der oft unterschätzt wird“, sagt Olaf Maibach, Experte für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) bei der AOK Nordwest. „Männer neigen stärker als Frauen dazu, sich vor allem über den Beruf zu definieren, und sind deshalb eher gefährdet, mit dem Ruhestand in ein Loch zu fallen.“ Nicht selten erwartet sie statt des erhofften Paradieses eine handfeste Krise: Sie wissen nichts mit sich anzufangen und fühlen sich überflüssig.

Führungskräften fällt es besonders schwer, den Übergang in die Rente zu verkraften. „Sie, die viel Macht und Status hatten, deren Tage durchgetaktet waren, die über vieles entscheiden konnten, sind nun mit massiven Verlusterfahrungen konfrontiert“, erläutert BGF-Experte Maibach. „Die Arbeit hat ihr Leben so dominiert, dass sie kaum Zeit hatten, Freundschaften oder Hobbys zu pflegen, die sie im Ruhestand tragen könnten.“ Etwa ein Drittel der Führungskräfte ist gefährdet, ein sogenanntes Empty-Desk-Syndrom (wörtlich übersetzt „Leerer-Schreibtisch-Syndrom“) zu entwickeln, so die Zahlen des Psychologen Otto L. Quadbeck. Er hat mit seinem gleichnamigen Buch den Begriff geprägt. Ex-Manager mit einem Empty-Desk-Syndrom leiden unter vielfältigen psychosomatischen Symptomen, fühlen sich innerlich leer oder haben Versagensgefühle, ziehen sich zurück und können sich unter Umständen zu nichts mehr aufraffen. Der Wandel von einer sehr wichtigen Person (very important person, VIP) zu einer ehemals wichtigen Person (previously important person, PIP) nagt massiv am Selbstbewusstsein.

Arbeit bedeutet eben nicht nur Belastung, Druck und Stress, sondern auch Selbstverwirklichung und Anerkennung. „Wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, hat Arbeit positive Effekte auf die psychische Gesundheit. Denn sie stiftet Sinn, schafft Verbundenheit mit anderen Menschen und bietet die Chance, sich als Persönlichkeit mit all seinen Fähigkeiten zu entfalten“, so BGF-Experte Maibach.

Daher lohnt es sich, über einen langsameren Abschluss der Arbeitstätigkeit nachzudenken. Teilzeitmodelle ermöglichen bereits einen ersten Übergang in die kommende Lebensphase, da sie zum einen die Arbeitsbelastung senken und zum anderen dazu führen, sich bereits bewusst mit dem Mehr an Freizeit auseinanderzusetzen. Auch im Sinne des Unternehmens sollte frühzeitig darüber nachgedacht werden, einen Nachfolger einzuarbeiten, der dann bereits einen Teil der Aufgaben übernehmen kann.

Es ist durchaus auch für Führungskräfte legitim, nicht immer nach der nächsten Beförderung zu schielen oder bei jeder neuen Aufgabe die Hand zu heben. Gerade zum Ende der Berufstätigkeit/Karriere ist es in Absprache mit dem Unternehmen üblich, geeignete Möglichkeiten zu finden, um einen Gang zurückzuschalten. Dadurch sinkt der persönliche Leistungsdruck und die eigene Lebensqualität steigt. So können die noch verbleibenden Aufgaben mit voller Konzentration erledigt werden.

Erwerbstätigkeit von Rentnern

Laut Statistischem Bundesamt waren 2018 von den 60- bis 64-jährigen Männern 64 Prozent erwerbstätig, bei den Frauen waren es nur 54 Prozent. Bei den 65- bis 69-Jährigen gingen 21 Prozent der Männer, aber nur 13 Prozent der Frauen einer Erwerbstätigkeit nach.

Ein Grund für den Anstieg der Erwerbstätigkeit ab 65 Jahren sind geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen für den Renteneintritt. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wurde seit 2012 stufenweise auf 67 Jahre angehoben. Weitere Gründe sind drohender Altersarmut entgegenwirken, aber auch länger aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Ein Artikel aus der Serie "Gesundheit im Dialog" von der AOK Nordwest und Boyens Medien.

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