Es waren ganz normale Menschen
Vor Kurzem besuchten 84 Schülerinnen und Schüler der achten Klassen der Schleusen-Gemeinschaftsschule Brunsbüttel gemeinsam Gudendorf. Hauptziel war die Gedenkstätte, die an die Opfer des Lagers erinnert, das von 1941 bis 1945 in dem kleinen Dorf für sowjetische Kriegsgefangene durch das Nazi-Regime errichtet wurde.
„Es waren nicht nur russische Kriegsgefangene, sondern auch ukrainische, georgische und andere Nationalitäten, die zu der Zeit in der Sowjetunion zusammengefasst waren“, erklärte Dr. Dietrich Stein den interessierten Jugendlichen. An der Gedenkstätte konnten sich die Schülerinnen und Schüler, durch das Modell des Lagers, ein genaueres Bild machen, wo die Menschen eingesperrt waren. Sie erfuhren, welche Aufgaben die Gefangenen hatten und wie sich einige ihre Vorräte durch handwerkliches Geschick aufstocken konnten. Dr. Dietrich Stein zeigte eine kleine Flasche, in der kein Flaschenschiff zu sehen war, sondern eine bemerkenswerte Korbflechterei. Er berichtete auch von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach langer Suche in Gudendorf endlich den Ort gefunden hatten, an dem sie um ihre verstorbenen Vorfahren trauern konnten. „Hier sind nicht nur Kriegsgefangene begraben, sondern eben auch Väter, Brüder, Söhne - eben ganz normale Menschen.“
Zwei weitere Stationen waren für die Klassen am Uns Dörpshus vorbereitet. Dort stand bis 1945 das Kriegsgefangenenlager. Karola Koch, Fachberaterin für Kulturelle Bildung im Kreis Dithmarschen, hielt an der zweiten Station Dokumente aus der Zeit des Kriegsgefangenenlagers bereit. Die Jugendlichen bereiteten sich in Kleingruppen auf einen Kurzvortrag vor, um die Erkenntnisse zum Leben im und um das Lager mit den Mitschülern zu teilen. Sie erfuhren zum Beispiel, welche katastrophalen Bedingungen herrschten und wie wenig Nahrungsmittel den Gefangenen zur Verfügung standen.
Werner Höfs, Bürgermeister Gudendorfs, der die Schüler morgens auch begrüßt hatte, hatte Feldsteine bereitgestellt, die mit den Namen der verstorbenen Kriegsgefangenen beschriftet wurden. „Wir erstellen sozusagen die Grabsteine für diese Menschen“, sagte Niklas Hahn (14). Die Feldsteine wurden, sobald die Schrift getrocknet war, an der Gedenkstätte aufgestellt.
Dank der Unterstützung des Jugendkompass Dithmarschen entstanden für die Schülerinnen und Schüler keine Kosten, sodass sie nach diesem lehrreichen Tag wieder nach Brunsbüttel zurückfahren konnten. „Diesen Tag vergesst ihr nicht. Denn es ist etwas anderes als Schule, und vielleicht sagt ihr irgendwann: Ich fahre nochmal nach Gudendorf, zum Kriegsgefangenendenkmal“, sagte Werner Höfs zum Abschied.
Oliver Wendt Alle Artikel von Oliver Wendt ansehen
Weitere Artikel