Unterricht wie vor 100 Jahren
Wie fühlte sich der Schulalltag vor 100 Jahren an? Dieser spannenden Frage ging die Klasse 3b der Reimer-Bull-Schule auf kreative und eindrucksvolle Weise nach. Zwei Wochen lang tauchten die Schüler im Rahmen eines besonderen Projekts in den Schulbetrieb der Kaiserzeit ein – mit allem, was dazugehört.
Zu Beginn begaben sich die Kinder auf Spurensuche im eigenen Schulhaus: Alte Schulutensilien, historische Fundstücke und persönliche Mitbringsel von Eltern, Großeltern oder Lehrkräften wurden zusammengetragen und auf einem Projekttisch präsentiert.
Besonders beeindruckend war der praktische Umgang mit historischen Schreibmaterialien – vom Griffel und der Schiefertafel bis hin zum Federhalter mit Tinte. Auch das Schreiben in der altdeutschen Sütterlinschrift wurde geübt. Das Quietschen der Griffel und das versehentliche Löschen mühsam geschriebener Wörter mit dem Schwämmchen sorgten für erstaunte, manchmal auch frustrierte Gesichter.
Nach mehreren Vorbereitungseinheiten, in denen die damaligen Schulregeln und Gepflogenheiten besprochen wurden, wagte die Klasse ein ungewöhnliches Experiment: eine ganze Unterrichtsstunde wie vor 100 Jahren. Mit geflochtenen Zöpfen, Pomade im Scheitel und ernster Miene traten die Kinder ihren „Dienst“ unter der strengen Aufsicht von „Fräulein Hinrichs“ an.
Die Lehrerin schlüpfte überzeugend in ihre Rolle – stilecht mit hochgeschlossenem Kleid, strengem Dutt, Nickelbrille und historischen Schuhen. Selbst ein originaler Rohrstock gehörte zur Ausstattung, natürlich nur als Requisite. Die Schüler spielten ihre Rollen mit beeindruckender Ernsthaftigkeit, wie unschwer auf dem Klassenfoto zu erkennen.
Selbst in den folgenden Schulstunden wurde die disziplinierte Sitzordnung beibehalten, und auch die reguläre Mathematiklehrerin wurde mit stehendem Gruß empfangen. Die Begeisterung der Klasse sprach sich schnell herum, auch Kinder anderer Klassen zeigten sich neugierig über die ungewöhnliche Verkleidung und den besonderen Unterricht.
Auch nach Projektende wirkte die Erfahrung noch nach: Einige Jungen setzten sich weiterhin „ordnungsgemäß“ auf die dem Fenster zugewandte Seite, und beim Melden hob so mancher ganz selbstverständlich die rechte Hand – gestützt von der linken, wie es damals Vorschrift war. Die klare Struktur des historischen Unterrichts wurde von einigen sogar positiv bewertet.
Doch auf Maßnahmen wie das Knien auf Holzscheiten oder das Stehen in der Ecke würden sie dann doch lieber verzichten. Am Ende kehrte die Klasse mit vielen neuen Eindrücken in den heutigen Schulalltag zurück. Denn Zeitreisen – so lehrreich sie auch sein mögen – sind zum Glück nur auf Zeit.
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